Die Angst der Alten

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Sie wollen alten Menschen die Angst nehmen und sie gleichzeitig fit machen, um Kriminellen nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Kriminalhauptkommissar Peter Bender, Walter Janouschek und Klaus Hanstein (von links).

Offenbach ‐ Eigentlich geht es ihnen gut, dem Herrn Helmut Grün und seiner Frau Ingetraud* aus Hanau. 81 und 84 Jahre sind sie alt, ihr Einkommen liegt bei 2.000 Euro monatlich. Wäre da nicht die Angst vor Überfällen. Von Michael Eschenauer

Sie leben im eigenen Haus mit großem Garten. Vor zwei Jahren hat Herr Grün eine Krebserkrankung überstanden, jetzt ist er wieder gesund, die Ehepartner sind noch recht rüstig. So lässt es sich erträglich alt werden, glaubt man. Trotzdem sind die Sorgen ständiger Begleiter der Grüns. Sei es früher, sei es später - jedes Gespräch mündet ins Thema aller Themen: die scheinbar allgegenwärtige Kriminalität.

 „Ich gehe nicht mehr gerne in die Innenstadt, und sowieso nie wenn es dunkel ist. Viel zu gefährlich, wegen der vielen Raubüberfälle und Jugendbanden“, sagt Herr Grün. Und seine Frau assistiert: „Die Menschen werden immer schlechter.“ Besonders schlimm sei es rund um den Freiheitsplatz mit der Menschheit bestellt.

Aus Angst immer eine Gaspistole dabei

Bei Spaziergängen in Wilhelmsbad hat der ehemalige Kaufmann stets eine Gaspistole dabei. Die Haustür ist fünffach gesichert. Sollte hier jemand klingeln, was höchst selten passiert, stellen die Grüns sich meist „tot“. Man hört und liest ja so viel von Trickbetrügern und Überfällen an der Haustür. Helmut und Ingetraud Grün sind noch nie Opfer einer Straftat geworden. Gegen das allgegenwärtige Gefühl der Bedrohung hilft das nicht.

„Nicht wenige ältere Menschen treten aus Angst vor Betrügereien oder Gewalt einen Rückzug an und können nur noch eingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Manche verlassen als letzte Konsequenz nur noch für die notwendigsten Erledigungen ihre Wohnung“, warnte vor kurzem Ex-Polizeipräsident Günter Hefner. Man müsse sich kümmern, heißt es, nicht zuletzt angesichts der demografischen Entwicklung. Da es immer mehr ältere Menschen gibt, gewinnt die Angst der Alten an gesellschaftlicher Brisanz. Außerdem wächst diese Personengruppe und wird alleine dadurch für Kriminelle zunehmend interessant.

Seniorenberater sollen alte Menschen mit den Tricks der Gauner vertraut machen

„Natürlich trifft Kriminalität auch ältere Menschen. Aber sie gehören nicht zu den bevorzugten Opfern“, sagt Polizeisprecher Henry Faltin. Allerdings stelle man bei den Älteren eine gesteigerte Sensibilität fest. Diese Erfahrung macht auch Walter Janouschek. Der 68-jährige Ex-Polizist aus Hanau sitzt im Vorstand der „Polizeisozialhilfe Hessen e.V.“.

Der Verein bildet in Kooperation mit dem Polizeipräsidium Südost hessen „Seniorenberater“ aus. Neun waren es 2008, acht im vergangenen und wieder neun in diesem Jahr. Zwei Tage dauern die Schulungen. Danach sollen die Berater im persönlichen Umfeld, aber auch in Altenclubs Senioren mit den Tricks der Gauner vertraut machen, das richtige Verhalten im Fall des Falles besprechen und schließlich den alten Menschen die oft übersteigerte Angst nehmen, Opfer von Kriminalität zu werden. Mittlerweile gibt es Seniorenberater in mehreren Städten im Kreis Offenbach, führend allerdings ist der Raum Hanau. „Wir haben als Polizeisozialhilfe offiziell den Auftrag vom Innenministerium, im Kontakt mit anderen Polizeipräsidien in Hessen das Angebot auszubauen, so Janouschek.

Fixierung auf das Thema Kriminalität

„Diese Angst hat natürlich auch mit körperlicher Fitness zu tun“, sagt der Erste Kriminalhauptkommissar a.D. Etwas hinfälligere Menschen fühlten sich leichter hilflos. Einen Großteil der Angst verursachten aber auch die Medien. „Alter Frau Handtasche weggerissen“, „80-Jährige mit Enkeltrick um 25.000 Euro geprellt“ - das seien so Klassiker. „Die lesen nichts anderes mehr“, weiß auch Kriminalhauptkommissar Peter Bender vom Polizeiladen Offenbach, wo die Seniorenberater in die Schule gehen.

Bender hat die Erfahrung gemacht, dass Senioren ihre Umwelt stark selektiv wahrnehmen. In Tageszeitungen und TV-Magazinen konzentriere sich das betagtere Publikum immer stärker auf das Thema Kriminalität. So stark, dass anderes ausgeblendet werde. „Wirtschaftskrise, Terroralarm in Deutschland, unsichere Renten - die machen den Fernseher an und es geht ihnen gleich schlecht“, sagt Bender. Gleichzeitig zögen sich ältere Menschen naturgemäß etwas zurück, so dass die Medien häufig zum einzigen Fenster nach draußen würden. „Wir müssen ihnen aber sagen, dass nicht an jeder Straßenecke Diebe und Räuber lauern. Wir müssen versuchen, die alten Leute aus ihren Rückzugsräumen herauszubringen“, fordert der Polizist.

Rückzug erhöht die Veränstigung

„Wir leben in einer schnelllebigen, lauten und für diese Gruppe oft schwer zu verstehenden Zeit. Das fängt schon beim Fahrkartenautomaten oder beim Handy an“, so Janouschek. Leicht entstehe aus Unsicherheit ein Gefühl der Bedrohung. „Da braucht der alte Mensch nur an einer schmutzigen U-Bahnhaltestelle zu stehen, das Licht ist schlecht, er sieht nicht richtig, auf einer Bank schläft ein Obdachloser, es ist nach 18 Uhr und vielleicht lärmen auch Jugendliche herum.

Die brauchen gar nichts Böses zu tun. Vielleicht treten sie mal kurz gegen einen Mülleimer. Aber es entsteht Angst, es entsteht ein Angstraum“, sagt Bender. Tückisch sei, dass parallel zum Rückzug der alten Menschen aus der Öffentlichkeit automatisch die Chance verschwinde, eine gegenteilige Erfahrung zu machen. Also zu sehen, dass man sich draußen relativ gefahrlos bewegen kann. Da müsse zunächst jeder für sich gegensteuern.

Thema Sicherheit Rentner

„Ich glaube, die Hälfte der alten Leute ist hochgradig verängstigt“, sagt Klaus Hanstein. Hanstein (65) ist ausgebildeter Seniorenberater und außerdem Mitglied der Hanauer Mundartgruppe „Die Krawallcher“. Zum Thema „Sicherheit und Senioren“ haben die „Krawallcher“ humorvolle Stücke im Repertoire - Titel: „Was so alles bassiere kann“ und „Frieda bass uff“. Die Laiengruppe tourt durch Altenclubs und Kaffee-Nachmittage. „Die Leute sind konzentriert wie die Mäuschen“, sagt Hanstein. Das Thema Sicherheit sei der Renner.

„Wir müssen den Blickwinkel verändern“, fordert Bender. Wirklich schwierig werde das bei Menschen, die keine Außenkontakte pflegten und die man nicht erreichen könne. Es sei von eminenter Wichtigkeit für alte Menschen, sich aktiv um Kontakte in ihrem unmittelbaren Umfeld zu bemühen - und sei es nur deshalb, weil man dann zusammen Geld bei der Bank abholen könne.

Zur polizeilichen Seniorenarbeit, so Janouschek, Hanstein und Bender gehöre aber nicht nur, den Senioren die Angst zu nehmen, sondern sie auch auf Situationen vorzubereiten, in denen sie mit Kriminalität konfrontiert würden. Denn dies sei ja durchaus bisweilen der Fall.

Infos gibt es unter: Telefon 069-8098-1230 oder 06181-100233

„Wir versuchen, durch Informationen die Ängste zu vermindern“, sagt Bender. „Seien Sie selbstbewusst und sagen Sie ganz klar nein an der Haustür oder am Telefon, wenn Ihnen einer was andrehen will, was Sie nicht wollen. Überlegen Sie genau, wo Sie ihre Brieftasche im Supermarkt oder Kaufhaus platzieren. Schlagen Sie die Türe zu, wenn eine obskure Handwerkertruppe Ihnen unbedingt das Dach reparieren will, und legen Sie auf, wenn Sie einer am Telefon als ihr Enkel anpumpt oder nach Ihren Kontodaten fragt.“

Man könne sich, so Bender, auch lautstark zur Wehr setzen. Körperliche Gegenwehr allerdings berge immer ein Risiko, verletzt zu werden oder eine - womöglich die eigene - Waffe auf sich gerichtet zu sehen. Insgesamt gelte: Wer sich sicherer fühlen will, muss sich hinaustrauen. Gleichzeitig muss er gewappnet sein.

*Namen von der Redaktion geändert

Quelle: op-online.de

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