Angst ist das Schlimmste für Überschuldete

Offenbach ‐ Sechs Millionen Bundesbürger schreiben rote Zahlen. Vielen erscheint es beinahe unmöglich, je wieder aus den Schulden herauszukommen. Von Peter Schulte-Holtey

Wer nicht möchte, dass sich für ihn das Schuldenkarussell immer weiter dreht, dem bietet der Ratgeber der Verbraucherzentralen „Geschafft: Schuldenfrei“ umfangreiche Tipps und Hilfestellungen. Marion Schmidt von der Schuldner- und Insolvenzberatung bei der Verbraucherzentrale Hessen im Interview:

Welche Gruppen sind besonders gefährdet?

Verschuldung findet sich in allen Alters-, Einkommens- und Bildungsschichten. Es gibt nicht den typischen Schuldner. Es gibt allerdings Gruppen in der Gesellschaft, die aufgrund ihrer Einkommens- und familiären Situation ihr Leben gar nicht gestalten können ohne sich zu verschulden. Z. B. verdient eine gelernte Verkäuferin im Einzelhandel bei Vollzeitbeschäftigung in Frankfurt gerade mal ca. 900 Euro netto. Ist sie dann noch alleinerziehend kommt sie mit Kindergeld - 184 Euro - plus Kindesunterhalt auf ca. 1400 Euro im Monat. Die Anschaffung einer neuen Waschmaschine oder eines Kühlschrankes lässt sich da meistens nur mittels Ratenzahlung, also Kredit, finanzieren.

Lassen sich die Betroffenen zu spät beraten?

Leider ja, viele Betroffene kommen erst, wenn es nicht mehr geht, sprich Lohn oder Konto gepfändet wurden. Schulden bauen sich über viele Jahre auf, hätten die Betroffenen weniger Scham und würden sie sich früher Hilfe holen, könnte oftmals zumindest das Schlimmste verhindert werden. Wobei das Schlimmste jetzt nicht der Soll-Stand auf dem Konto ist oder die Schulden an sich, sondern die enorme psychische Belastung, die die Schulden mit sich bringen, die Angst nicht mehr zu wissen wie es weiter geht, die quälende Frage, wie der Arbeitgeber auf eine Lohnpfändung oder die Bank auf eine Kontopfändung reagieren.

Können viele wieder schuldenfrei werden?

Eine Möglichkeit zur Entschuldung gibt es seit Einführung des Verbraucherinsolvenzverfahrens im Jahre 1999 für fast jeden. In diesem Verfahren zahlt der Schuldner über einen Zeitraum von sechs Jahren den jeweils pfändbaren Betrag seines Einkommens an die Gläubiger und anschließend werden ihm seine Schulden erlassen. Nur ganz wenige Schulden lassen sich nicht im Wege einer Verbraucherinsolvenz entschulden, z. B. wenn jemand zur Zahlung einer Geldstrafe verurteilt wurde.

Welche Möglichkeiten eröffnet das am 1. Juli eingeführte sogenannte Pfändungsschutzkonto?

Es gewährt dem Kontoinhaber einen Basisschutz, einen Freibetrag von 985,15 Euro, über den er bei einer Pfändung verfügen kann. Der Vorteil ist dann, dass trotz einer Pfändung die Kontofunktion erhalten bleibt, also Überweisungen, Daueraufträge oder Lastschriften möglich sind, aber immer nur im Rahmen des Freibetrages. Ein gewöhnliches Girokonto verliert durch die Pfändung diese Funktionen bzw. die Banken gewähren sie nicht mehr. Nicht selten führte eine Kontopfändung auch zur Kündigung des Kontos. Die Kündigung eines Pfändungsschutzkontos wegen einer Kontopfändung ist nicht zulässig. Dieses Konto ist ein Instrument im Vollstreckungsrecht und gewährt dem Schuldner im Falle einer Pfändung einen gewissen Schutz, so dass er diesen nicht erst beim Vollstreckungsgericht beantragen muss, so dass auch eine Entlastung der Gerichte erfolgen wird.

Quelle: op-online.de

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