„Die Passagierin“ in der Oper Frankfurt

Von Schuld und falscher Sühne

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Anselm Weber, Intendant des Schauspiel Bochum, inszeniert an der Oper Frankfurt „Die Passagierin“.

Frankfurt - Es geht um große Schuld und deren Verdrängung in Mieczyslaw Weinbergs (1919-1996) Oper „Die Passagierin“. Von Klaus Ackermann 

Regisseur Anselm Weber, in Frankfurt wahrlich kein Unbekannter, hat das Stück inszeniert, das auf einer Novelle der Auschwitz überlebenden Polin Zofia Posmysz beruht und nun in deutscher Erstaufführung zu sehen ist. Ein bundesdeutsches Ehepaar befindet sich Ende der 1950er Jahre auf einer Überfahrt nach Brasilien, wo Walter als Botschafter tätig werden soll. Beide wissen nur wenig voneinander, was sich schlagartig ändert, als Lisa, schon in jungen Jahren Aufseherin im KZ Auschwitz-Birkenau, eine ihr bekannt erscheinende Frau entdeckt, die sie an ihre dunkelste Lebenszeit erinnert. Es ist Marta, die wie ihr ermordeter Verlobter Häftling in dem Konzentrationslager war.

Regisseur Weber sieht hier zwei Haltungen im Umgang mit der Vergangenheit, personifiziert in den Protagonistinnen. Lisa lebt in der Gegenwart, hat ihre Zeit im KZ verdrängt. Marta dagegen hat alles verloren im Leben und hält die Erinnerung daran wach. Lisa hat große Angst, ihren Ehemann zu verlieren, deshalb schweigt sie oder versucht sich zu rechtfertigen. Doch sobald Lisa lügt, zieht Marta sie in ihre schlimme Vergangenheit zurück. Ein offener Schiffsbauch beherrscht die Bühne, so der Regisseur. Die Drehbühne vermittelt Innen- und Außenwelt. Gespielt wird in dieser „erstaunlich handlungsintensiven Oper“ (Weber) in modernen Kostümen, konterkariert durch die KZ-Anstaltskleidung. Gesungen wird deutsch, polnisch, russisch, englisch und hebräisch, ein babylonischer Sprachenwirrwarr, Dramatik entstehe hier auch durch Nichtverstehen. Hohe Emotionen – das zähe Ringen des liebenden Paares erinnere an Ingmar Bergman-Filme – entwickelt dazu die Musik zwischen Tritonus, dem unheilvollen Intervall, Bachs Passacaglia, Jazz und Walzer. Da gebe es sogar fröhliche Szenen in düsterer KZ-Barackenwelt, was umso mehr berühre, sagt der Regisseur. Das ziele auf den Grundcharakter einer Oper, die vor allem Versöhnung im Sinn habe. Erstaunlich, wenn man das leidvolle Leben des polnischen Juden Weinberg und der Katholikin Posmysz erinnere.

Jack White in der Alten Oper

Jack White in der Alten Oper

„Die Passagierin“ hat am Sonntag, 1. März, um 18 Uhr Premiere in der Oper Frankfurt. Schon um 15 Uhr spricht Intendant Bernd Loebe mit Autorin Posmysz im Holzfoyer der Oper.

Die Oper ist dem in München geborenen Schauspiel-Regisseur durch die Begegnung mit Dirigenten wie Stefan Soltesz oder dem Frankfurter Generalmusikdirektor Sebastian Weigle zwar ans Herz gewachsen, doch nach wie vor ein spannender „Ausflug in fremde Welten“. Ob nun Wagners „Lohengrin“ in seiner Essener Zeit oder die wie Korngolds „Tote Stadt“ vielbeachtete „Katja Kabanova“ (Janacek) in Frankfurt. „Da ist man froh wieder daheim zu sein“ – beim Schauspiel. Wobei Frankfurt, wo er mit Schillers „Jungfrau von Orleans“ einen ersten großen Erfolg feierte, in vielen Bühnenjahren so etwas wie seine zweite Heimat geworden ist. Seit 2010 ist Anselm Weber Intendant des Schauspielhaus Bochum, das er vor der Insolvenz rettete, gestählt im Umgang mit klammen Stadtkämmerern und Landespolitikern, die das kulturelle Tafelsilber verscheuern. „Das Theater ist die Herzkammer jeder Stadt“, lautet seine Maxime. Ob nun Kästners „Drei Männer im Schnee“ oder Arthur Millers „Hexenjagd“ – Vielfalt sei Trumpf, um ein breites Publikum abzuholen – und vor allem zu berühren. Das sollte mit Weinbergs „Passagierin“ gelingen.

Quelle: op-online.de

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