Anselm Weber startet Frankfurter Schauspielintendanz mit William Shakespeares „Richard III.“

Kopfüber in den Sandkasten

Wolfram Koch, Samuel Simon und Isaak Dentler (von links) brilliant bei der Premiere von „Richard III.“ in Frankfurt -  Foto: Arno Declair / Schauspiel
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Wolfram Koch, Samuel Simon und Isaak Dentler (von links) brilliant bei der Premiere von „Richard III.“ in Frankfurt

Frankfurt - Ein geglückter Einstand für Anselm Weber: Der neue Intendant an Frankfurts Schauspiel hat seine Amtszeit mit einem Klassiker eröffnet, William Shakespeares Tragödie „Richard III. “. Von Stefan Michalzik

Unter der Regie von Jan Bosse brilliert der TV-bekannte Wolfram Koch in der Rolle des Bühnen-Bösewichts. Gleich am Anfang ein Slapstick um eine rote Krawatte. Als „Richard III.“ in Jan Bosses Inszenierung von William Shakespeares Tragödie kostet Wolfram Koch am Schauspiel Frankfurt seine Qualitäten aus. Klassische Diagonalen gehen quer über den Raum, den Bosses Stammbühnenbildner Stéphane Laimé, Szenerie und Zuschauerraum in eins setzend, zur weiten Halle aufgerissen hat.

Koch, im viel zu großen Anzug, macht erst mal einen Kopfsprung in den mit grauschillerndem Splitt gefüllten Sandkasten. Er dreht und windet sich in spielerisch betriebener Bösewichterei. Diese gründet, er offenbart’s im Eingangsmonolog, in seiner Missgestalt, die ihn am Zeitvertreib der Liebe hindere.

Unvermittelte Ausbrüche, herkulische Gesten und ein schauriges Lied, gegrölt wie von Tom Waits: Koch zieht alle Register. Einmal streift er den rotwulstigen Mund einer Clownmaske über, ein Spieler der Machtbesessenheit, des Meuchelns und der Intrige. Ganz entschieden ist er ein Komödiant und damit Teil einer diskret selbstreflexiven Linie ums Theater.

Der wahre Streit spielt sich in Berlin ab. An Frankfurt geht die Auseinandersetzung um Chris Dercon, das Verhältnis von Performance und Schauspiel, kunstaffinem Kurator und klassischem Intendanten vorbei. Die Eröffnung des neuen Intendanten Anselm Weber ist in der Mainmetropole ein Bekenntnis zum klassisch-modernen Stadttheater, zum Schauspieler und zum Ensemble. Und zum großen dramatischen Text.

Eine Klassikeraufführung in moderner Kleidung (Tabea Braun) – das geht bemerkenswert bruchfrei auf. Anspielungen auf Tages- und Weltpolitik setzt Bosse dezent. Die Hauptfigur lässt Assoziationen zu US-Präsident Donald Trump zu; Habitus, Haarschnitt und Kleidung des Strippenziehers Buckingham von Heiko Raulin erinnern an alte und neue Nazis, braune Hemden braucht es keine. Die Gemeuchelten verschwinden im Sandhaufen, auch Richard wird am Ende darin versenkt. Bosse hält sich mit Blut zurück, ein einziges Mal wird gesudelt.

Und nein, es ist kein Solo mit Stichwortgebern. Der „Tatort“-bekannte Koch agiert raumgreifend großschauspielerisch, ohne Manierismen, im Dienst der Sache. Und es gibt ein rundum starkes Ensemble, voran die Königin Elisabeth von Claude De Demo als Tragödin mit blondem Langhaar und Silberdress. Frauen sind keine Opfer- und Klageweiber: Mit Mechthild Grossmann als Königsmutter tritt De Demo in einen grotesken Streit darüber ein, wem der Triumph der tieferen Trauer gebührt.

Reiner Unschuld ist keiner. Starke Auftritte; im Zuschauerraum verteilte Statisten skandieren effektvoll Rufe des Chors. Stetig wabert am Rand der Hörbarkeit die elektrowagnerianische Musik von Arno Kraehahn. Gespielt wird eine mätzchenfrei moderne Übertragung von Bosse und seiner Dramaturgin Gabriella Bußacker.

Da fährt einer mächtig was auf. Dreieinhalb Stunden Intensität und Spannung, ohne Abfall. Rundum fein und formbewusst gearbeitet – so gibt sich Webers Willkommensgruß ans Schauspiel. Glücklicher kann ein Einstand schwerlich gelingen zu dem, was der neue Intendant vorhat.

Nächste Aufführungen am 8., 15. und 22. Oktober

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