Ein „Anti-Depressiva“ mit langer Wirkung

+
Szene aus dem Tigerpalast, der nun sein Herbst-Winter-Programm vorgestellt hat.

Frankfurt - Dem hessischen Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP) wird alles genommen - vom Handy über die Brieftasche bis zum Billig-Kugelschreiber. Szenen wie diese bietet das Frankfurter Varieté Tigerpalast in seinem Herbst-Winterprogramm. Von Michael Eschenauer +++ Fotostrecke +++

Das gleich vorneweg: Poschs Kollegen von der Firma Recht und Ordnung, es handelt sich um den Frankfurter Polizeipräsidenten Achim Thiel und Sicherheitsdezernenten Boris Rhein, geht es ähnlich: Sie verlieren durch die flatternden Hände des Taschendieb-Artisten Charly Borra erst die Contenance und dann - ohne es zu bemerken - den umgebundenen Schlips (CDU-Hoffnungsträger Rhein) sowie die Brille von der Nase (Thiel).

Szenen wie diese trieben dem geladenen Promi-Publikum die Lachtränen auf die Wangen, als am Dienstagabend das Frankfurter Varieté Tigerpalast offiziell sein Herbst-Winterprogramm vorstellte. Die Freunde großstädtischer Abendunterhaltung erwartet als Freudenspender in der dunklen und kalten Saison wieder die Sinne wärmende Bühnenkunst auf gewohntem Spitzenniveau.

Aus dem bunt flirrenden eineinhalbstündigen Geschehen auf der Bühne ragt heraus: das Nachwuchs-Trapezduo der beiden Zwillinge Ele und Julia aus Berlin. Den Auftritt im Tigerpalast heimsten die beiden Berlinerinnen, einst Waldorfschülerinnen aus Bad Nauheim, ein, weil sie im vergangenen Jahr als Duo Elja den ersten Platz beim European Youth Circus Festival in Wiesbaden gewannen. Zu Recht. Denn das ist unverbrauchte, authentische Trapez-Artistik über den Köpfen des Publikums.

„Der Tigerpalast ist ein Anti-Depressiva.“ Gut 50 Euro kostet eine Dosis. Doch die Wirkung hält für Wochen.

Zweite Erfrischung: der Wortakrobat Marcus Jeroch (45) aus Berlin. Er führt durch das Programm, er spielt mit Worten statt mit der Schwerkraft. Texte von Ernst Jandl und Friedhelm Kändler, eine Wahnsinns-Struwwelpeter-Frisur, die bei zunehmendem Engagement des Interpreten herrlich staubt, und feine Sticheleien geben dem Gesamtprogramm bittersüßen Biss. Küchenphilosophie - aber aus der Feinschmeckerküche. Etwa dann, wenn Jeroch das Publikum auffordert, sich von den Plätzen zu erheben und dessen verlegene Verweigerung mit der Feststellung pariert, nur wer sich traue, aus der Menge herauszuragen - auch auf die Gefahr hin, sich zu blamieren - werde im Leben überhaupt erst sichtbar.

Tigerpalast Varieté, Frankfurt, Heiligkreuzgasse 16-20, Tel.: 069-9200220.

Die skurrilen Puppen-Würmer „Blackwits“, Tempo-Jonglage mit Claudius Specht, eine schöne Nummer am Hochseil zu fettem Gitarrenrock mit Elena Shumskaya, das konzentrierte, fast schon zärtliche Zusammenspiel der Körperkräfte bei den Grynchenko Brothers und ihrer Hand-auf-Hans-Akrobatik - manches hat man schon mal woanders gesehen, bei manchem ist der Darbietende sogar Stammgast beim Tiger.

Trotzdem bleibt sein Palast seit 22 Saisons eine sichere Bank für einen überraschenden Abend. Dabei sind die Leistungen der Frauen und Männer in dem engen, blau ausgeleuchteten früheren Quartier der Frankfurter Heilsarmee nur ein Teil der Geschichte. Der zweite ist die Unmittelbarkeit des Geschehens, der sich niemand entziehenkann. Dabei hat jeder in dem rund 180 Zuschauer fasssenden Saal unterm Plakat mit dem tanzenden Teufel die Chance, auf Tuchfühlung zu gehen.

Die ersten Reihen während des Bühnenteils, die hinteren Ränge in der zweiten Halbzeit, wenn die Artisten auf einem freigeräumten Platz mitten zwischen den Mini-Bistrotischen auftreten. Man sieht die Hände von Charly Borra zittern vor Aufregung, man vernimmt das leise Aufstöhnen der Bodenartisten Grynchenko bei ihrer Kraftanstrengung, und der Luftzug der wirbelnden Jonglagekegel streicht einem übers Gesicht. Der Tigerpalast ist ein Anti-Depressiva. Gut 50 Euro kostet eine Dosis. Doch die Wirkung hält für Wochen.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare