Der Apfel - ein Sündenfall der hessischen Schulpolitik

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Der Apfel als Symbol für Staatsphilosophen: Ist das tägliche Obst für Schüler ein wichtiges Feld der Politik oder ein überflüssiges Überbehüten des Bürgers? Fragen über Fragen im Hessischen Landtag.

Wiesbaden ‐ Über den Apfel als schulpolitischen Sündenfall hat der Landtag gestern debattiert. Dabei sah die Opposition die Sünde vor allem darin, dass Hessen aus dem Schulobstprogramm der Europäischen Union (EU) ausschert. Für die Regierungsfraktionen CDU und FDP lag die Sünde in übermäßigen Kosten und Bürokratie dieses Programms. Außerdem verführe es zu dem Wunsch nach noch mehr Wohltaten des Staates. Von Friedemann Kohler

Im Paradies hatte Gott einst Adam und Eva verboten, vom Apfelbaum zu essen. Doch seitdem hat sich die Einstellung zu dem gesunden Obst gewandelt. „An apple a day keeps the doctor away“ (Ein Apfel am Tag hält den Arzt fern) - dies englische Sprichwort und einen Apfel für jeden Abgeordneten verteilte die SPD-Fraktion für die Debatte. Die Paradiesfrüchte bereiteten dem Sitzungspräsidenten Frank Lortz (CDU) einige Mühe, denn viele Volksvertreter widerstanden der Versuchung nicht und bissen trotz Essverbots im Plenarsaal herzhaft in die Äpfel hinein.

Die EU will die Verteilung von Obst an Schüler von 2010 an fördern. Im Bundesrat hatte Hessens schwarz-gelbe Regierung dem Programm mit Bedenken zugestimmt, im Verbraucherschutzministerium von Silke Lautenschläger (CDU) liefen die Vorbereitungen. Doch dann bremste die CDU-Fraktion auf ihrer Haushaltsklausur die Regierung. Das Land könne nicht jährlich eine Million Euro für Schulobst beisteuern, befanden die Christdemokraten. Sieben Bundesländer wollen bei dem EU-Programm mitmachen, fünf sind dagegen, Bremen hat ein eigenes Projekt.

Kinderarmit sei beschämend für Hessen

Die SPD-Abgeordnete Heike Habermann sprach von einem Armutszeugnis. Die Kinderarmut nehme zu, sie schädige Entwicklung, Gesundheit und Bildungschancen; deshalb sei es beschämend, wenn Hessen mit fehlendem Geld argumentiere. Auch Angela Dorn (Grüne) warnte vor übermäßigem Sparen am Schulobst: Was der Staat dafür ausgebe, spare er später an Behandlungskosten für Übergewicht. Sie rief Ministerin Lautenschläger auf, sich gegen die Fraktion durchzusetzen.

Die Linken-Abgeordnete Marjana Schott sagte der Regierung auch, wo die fehlende Million Euro zu finden sei: Im Härtefonds für Schulessen, dessen Geld nur zögerlich abgerufen werde. „Es liegt einfach da, Sie brauchen es nur zu nehmen.“

Irmer stört „Vollkasko-Mentalität“

Der CDU-Abgeordnete Hans-Jürgen Irmer machte eine andere Rechnung auf. An 800.000 Schüler in Hessen müssten jährlich 160 Millionen Stück Obst verteilt werden. „Der logistische Aufwand ist hoch, der finanzielle Aufwand ist hoch, der bürokratische genauso“, sagte er. Gesunde Ernährung sei wichtig, aber ihn störe die „Vollkasko- Mentalität“, dass der Staat dafür verantwortlich sein solle. Der FDP- Abgeordnete Frank Sürmann plädierte für Eigenverantwortlichkeit: „Die sind schlau genug, zum richtigen Zeitpunkt ihr Obst zu essen“, sagte er mit Blick auf Schüler, die als Besucher die Debatte verfolgten.

Als Sürmann aber diesen Schülern die Äpfel der FDP-Fraktion schenken wollte, schritt Sitzungspräsident Lortz ein. Der Abgeordnete Volker Hoff (CDU), den er „aus Säuglingszeiten als unschuldigen Menschen“ kenne, habe seinen Apfel essen dürfen, ebenso Heike Habermann: „Frau Habermann ist aus Offenbach, da ist das ein Grundnahrungsmittel.“ Ansonsten gelte im Plenum weiterhin ein Essverbot: „Wir bringen auch keine Haxen und keinen Humpen Bier hier ein.“ dpa

Quelle: op-online.de

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