Arzt soll 111.375 Euro zahlen

Offenbach/Neu-Isenburg ‐ Dr. Siegfried Spernau ist sauer. Der Neu-Isenburger Arzt fühlt sich in seiner Arbeit beeinträchtigt und sieht das Wohl seiner Patienten in Gefahr. Von Peter Schulte-Holtey

Grund: Unter anderem weil er viele Kranke ohne Rücksicht auf Zeit-Vorgaben behandelt hat, soll er 111.375 Euro (für die Abrechnungsquartale 2/2005 bis 4/2007) an die Kassenärztlichen Vereinigung (KV) zurückzahlen. Das teilte ihm ein sogenannter Plausibilitätsausschuss der KV-Hessen mit, er wirft ihm „grobe Fahrlässigkeit“ vor.

Im Gespräch macht der 68-Jährige, der auch Obmann des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes in Neu-Isenburg ist, immer wieder seine Empörung deutlich. Er fordert die Aufhebung des § 106a Sozialgesetzbuch (SGB) 5. Buch (Abrechnungsprüfung in der vertragsärztlichen Versorgung), schrieb einen offenen Brief an die Abgeordneten des Bundestags und tritt jetzt auch bei den Wahlen der KV-Hessen mit einer eigenen Liste (Name: „Gegen zeitbezogene Plausibilitätsprüfung und Beschränkung der Fallzahl“) an.

Der Allgemeinmediziner, der im vergangenen Jahr den sogenannten „Hippokrates Award“ für die bundesweit beste Hausarztpraxis bekam, wehrt sich vor allem gegen Zeitvorgaben bei der Behandlung: „20 Minuten pro Patient sind vorgeschrieben bei Chronikern, 23 Minuten bei Rentnern. Egal, was zu tun ist.” Demnach dürfe er lediglich etwa 25 Kranke am Tag versorgen, meint Spernau: „Es geht nicht um ,Minuten-Medizin’. Meine Patienten sind sehr zufrieden mit meiner Arbeit, sonst kämen doch nicht so viele. Im Schnitt behandle ich 120 täglich. Meistens sind es Schmerzpatienten; für die gibt es keine Terminvergabe, da ich das mit unterlassener Hilfeleistung bzw. vorsätzlicher Körperverletzung gleichsetze.“ Die Vorgaben und Regelsätze sind ihm schleierhaft: „Kommt einer mit Hexenschuss, weiß ich sofort, was der braucht. Das dauert keine 20 Minuten. Oder soll ich dem Schmerzpatienten sagen, er kann erst in einigen Wochen in die Praxis kommen?”

KV-Sprecher Karl Matthias Roth verteidigt die Zahlungsaufforderung an Spernau: „Es ist die gesetzliche Aufgabe der KV zu überprüfen, ob Abrechnungen korrekt und plausibel sind. Auf Grundlage des § 106a SGB prüfen wir bei jedem Arzt die sachliche und rechnerische Richtigkeit der Abrechnungen.“ Die KV kontrolliert zum Beispiel im Plausibilitätstest, ob die Anzahl der abgerechneten Leistungen pro Tag im Verhältnis zu dem damit verbundenen Zeitaufwand steht. Roth: „Wir haben bei der Abrechnung von Dr. Spernau erhebliche Zweifel.“ So habe der Neu-Isenburger häufig Leistungen in einem Umfang abgerechnet, für den man 20-Stunden-Arbeitstage benötige. „Und das geht nicht“, kritisiert der KV-Sprecher: „Entweder hat er das wissentlich gemacht, dann betrügt er die Krankenkasse und seine Kollegen. Oder er hat es unwissentlich gemacht, dies schützt aber auch nicht vor Strafe. Ein zweite Frage ist, ob ein Straftat-relevanter Vorgang vorliegt, den möglicherweise die Staatsanwaltschaft prüfen muss; das klären wir gerade.“

Spernau will auf keinen Fall nachgeben, gibt sich kampfeslustig: „Ich werde alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um mein seelisches Gleichgewicht wieder herzustellen und das der Kollegen, die auch betroffen sind.“ Dabei verweist er auf die 250 Ärzte, die die KV bei der Staatsanwaltschaft angezeigt hat.

Quelle: op-online.de

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