Die perfekt inszenierte Natur

+
Die längste Blickachse des Parks ist 2,5 Kilometer lang. Sie reicht vom Parksee bis zum Schloss Johannisberg auf der Main-Nordseite. Das Gelände, das dazwischen liegt, darf weder mit hohen Bäumen verstellt noch bebaut werden.

Aschaffenburg - 200 Hektar Landschaft - und das Ganze entwickelt sich vor dem Auge des Betrachters als würde er einen guten Roman in den Händen halten.Von Michael Eschenauer

Es gibt düstere Abschnitte, überraschende Wendungen, Pfade, auf denen kurze Durchblicke ahnungsvolle Spannung aufbauen, strahlende Ziele, die unerreichbar zu sein scheinen, Steigerungen und schließlich den Höhepunkt, den Moment, wo alles stimmt, sich die Geschichte zusammenfügt.

Nur 2,5 Kilometer in südwestlicher Richtung vom Stadtzentrum Aschaffenburgs entfernt haben Gartengestalter im 18. Jahrhundert so ein Landschafts-Buch geschrieben. 20 Jahre haben sie gebraucht, um künstliche Seen, „Berge“, malerisch gewundene Bachläufe, Aussichtsturm, Teufelsbrücke, Dörfchen, Hirtenhäuser, Freundschaftstempel, Großes Wiesental, Irrgarten, Orangerie und schließlich das klassizistische Sommerschlösschen anzulegen. Der „Bois-Jolie“, der „Schöner Busch“ oder einfach Schönbusch genannte Park ist größer als die gesamte Aschaffenburger Altstadt und zeigt, dass die Grundprinzipien dessen, was Menschen als schön empfinden, sich in bald 250 Jahren kaum geändert haben. Übt sich der Besucher allerdings nicht in Konzentration und Achtsamkeit - wird er die Handlung des Romans nicht verstehen...

Seit 1918 befindet sich der Park im Staatsbesitz

„Wir versuchen seit den 1990er Jahren umzusetzen, was der Gartenkünstler Friedrich Ludwig von Sckell gedacht hat, als er bis 1790 die Anlage entwickelte“, sagt Jost Albert. Er ist als Mitarbeiter der Bayrischen Schlösserverwaltung für die wissenschaftliche Betreuung von insgesamt zehn Parks und Burganlagen zuständig - eine davon sind Schloss und Park Schönbusch. Seit 1918 befindet sich der Park im Staatsbesitz.

Gartenkenner Jost Albert

„In diesem Jahr wurde zum Beispiel der Eingangsbereich mit Büschen umgestaltet. Wir wollen vermeiden, dass der Besucher schon am Eingang den gesamten See und das Schloss sehen kann“, berichtet Albert. Die derzeitige Weg- und Blickführung sei eine nachträgliche Verschlimmbesserung des Parks gewesen - ähnlich wie der direkt am See entlang führende Weg. Grundprinzip von Schönbusch ist nicht der schnelle Kick. Es ist die Inszenierung, die allmähliche Hinführung des Spazierenden zum nächsten Highlight, das Lenken des Blicks. Gartenguru Sckell hat nie sein Pulver vor der Zeit verschossen. Er hat es im Gegenteil sorgsam rationiert.

Und so durchschreitet der Besucher die in Pose getrimmte Natur, deren Gestaltung, zunächst auch mit Hilfe fremdländischer Bäume und Büsche, in den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts begann. Das „Dörfchen“ mit Taubenschlag, Brunnen und weidenden Highland-Rindern als „Idealbild der ländlichen Zufriedenheit“ entstand im Jahr 1788. Ein Jahr später begann die Französische Revolution. Doch das war weit weg.

Neue Art des ästhetischen Empfindens

Schönbusch, so Parkkenner Albert, sei bereits eine Weiterentwicklung gewesen. Der Mensch übe sich hier zwar als Weltgestalter, aber Schönbusch als herausragendes Beispiel des Englischen Landschaftsparks sei eben gerade nicht charakterisiert durch millimetergenau abgezirkelte Blumenbeete und Springbrunnen, wie sie im Barockgarten französischer Provenienz mit seine geometrisch exakten Formen zu finden seien.

„Das war eine neue Art des ästhetischen Empfindens“, so Albert. „Man ließ Bäume und Hecken scheinbar frei wachsen, knorrige Äste malerisch herumliegen, modellierte den Boden. Sie alle sollten ihre Geschichte erzählen, Emotionen wecken.“ Gab es in den Barockgärten eine Reihe statischer Bildkompositionen, die man nacheinander durchschritt, bestehe der Landschaftspark, das begehbare Landschaftsgemälte, aus einer Abfolge zusammenhängender, sich dynamisch entwickelnder Perspektiven.

Gestaltung einer offenen Landschaft sei nicht so einfach

Immer übernahm der für die Bevölkerung fast komplett zugängliche Park Schönbusch aber auch eine Funktion als Volkspark mit entsprechenden Belustigungen. Die Teufelsbrücke, aber auch der Irrgarten und die Ruderboote sind letzte Überbleibsel. Früher gab es hier sogar ein Karussell, eine Kegelbahn und Schaukeln - für die Erwachsenen wohlgemerkt. Einst schaukelten sogar chinesische Gondeln auf den Teichen. „Interessant ist das insofern, als dass es zeigt, dass die Erfinder des Landschaftsparks am Anfang sehr unsicher waren, ob ihre Idee die Leute nicht langweilen würde“, sagt Albert. In manchen Parks habe man anfangs sogar bunte Kiesel in die Bäche gelegt oder die Wiesen mit künstlichen Blumen aufgepeppt. Die Gestaltung einer offenen Landschaft sei nicht so einfach, wie dies scheine.

Schönbusch ist ohne Zäune in die Umgebung eingebettet, allerdings erinnern die stark befahrende angrenzende B 26 und das Gewerbegebiet am Mainhafen daran, dass die Zeiten bukolischer Idylle vorbei sind - wenn es sie denn jemals wirklich gegeben hat.

Park Schönbusch, Kleine Schönbuschallee 1, Aschaffenburg. Telefonnummer:  06021/625478

Der Park ist ganzjährig geöffnet und kostet keinen Eintritt. Das Besucherzentrum ist von April bis September samstags, sonntags sowie feiertags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Für Schloss Schönbusch ist eine Eintrittskarte im Rahmen einer Führung erforderlich.

Quelle: op-online.de

Kommentare