Lebenswelten im Bild

Kunsthalle Jesuitenkirche zeigt „Bittersüße Zeiten“

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Pieter Jacobszoon Coddes Ölgemälde „Kavalier mit Dirne“ (1630) blickt auf das Leben der einfachen Leute.

Aschaffenburg - Die Aschaffenburger Kunsthalle Jesuitenkirche wagt in ihrer neuen Ausstellung eine außergewöhnliche Gegenüberstellung. Unter dem Titel „Bittersüße Zeiten“ vereint sie Barockmalerei mit Werken der Gegenwartskunst. Von Reinhold Gries

Daniel Richters Konzert-Impression „o.T.“, 2008

Es hat etwas Irritierendes, wie flämisch-holländische Barockmalerei und Gegenwartskunst in der Kunsthalle durcheinandergehen. Unter Abteilungen wie „Menschenbilder“, „Kinderzeiten“, „Vergnügen und Absturz“, „Sex und Liebe“ oder „Lebenswege“ ist das so gewollt vom Mode-Unternehmer und Sozialwissenschaftler Thomas Rusche, der die Schau aus Familienbesitz bestückt. Rusche sagt dazu: „Wir alle durchleben die Achterbahnfahrt des Lebens. Wir erleben das Wechselspiel von Licht und Schatten und haben Sehnsucht nach Stabilität und rettenden Ufern.“ Mit der gezeigten Auswahl erreicht man das rettende Ufer freilich selten: Eine Vielzahl desillusioniert, deprimierend oder sexuell aufgeladen wirkender Menschenbilder sorgt für Unbehagen.

Weniger gilt das für Sitten- und Genrebilder des 17. Jahrhunderts, entstanden in „Goldener Zeit“ der Malerei, in der in Holland über fünf Millionen Gemälde im Umlauf waren – mit ganz neuen Motiven zu Alltag und Leben des Bürgers. Während z.B. Cornelis van der Voort, Bernart Vollenhove oder Pieter Verelst im Stile eines Frans Hals oder Rembrandt fürs Patriziat Porträts produzierten, spezialisierten sich andere aufs Stadt- und Dorfleben. Wie Jacob Adriaenszoon Backer mit seiner vollbusig-handfesten Frau, Pieter Jacobszoon Codde im Oval mit Dirne und Kavalieren, Joos von Craesbeeck mit dem Hochformat „Paar beim Wein“, Jan Miense Molenaer mit jugendlichen Dorfmusikanten oder Jan Miel mit tanzenden Bauern. Häusliche Intimität, Kleidung, Schmuck und Körperhaltung zeigten Vertrautes.

Ordnung ins Bilderchaos bringen

Das ist heute anders, Die zeitgenössischen Kunst hat Bildthemen und Stilen nach allen Seiten geöffnet und eine Freiheit erlangt, die durch neue Medien und Internet-Bilderflut noch größer geworden ist. Da stellt sich Kreativen die Aufgabe, Ordnung ins Bilderchaos zu bringen. Das gelingt Zofia Kuliks großformatiger Damen-Collage in fast renaissancehafter Würde. Norbert Biskys Männerporträt lässt hingegen Blut-Farbe spritzen, weil es mit voller Wucht einen Schlag abbekommen hat. BEZAs verführerische „Midnight Cat“, Oda Jaunes Fetischmaske, George Condos grotesk-absurdes Paar neben Chistoph Ruckhäberles leer-enttäuschten Porträt-Ikonen verweisen auch auf die Abgründe der Spaßgesellschaft. Dahinter könnte der moralische Zeigefinger stecken, auch bei Justine Ottos frühreifem Mädchen mit buntlackierten Nagelkrallen.

Ist es Schmerztherapie oder nüchterne Bestandsaufnahme, wie Muntean/Rosenblums „Life ist just a short perios of time in which you are alive“ einen Jungen zeigt, desillusioniert vor einer nackt auf der Couch ausgestreckten Frau sitzend? Auch andere widmen sich der verlorenen Kindheit. Oder der persönlichen Isolation wie Carina Lange in ihrer Fotoserie „Einsamer Eros“.

Da lohnt es sich, weiter nach rettenden Ufern zu fahnden: Johannes Hüppis kokette junge Frau z.B. weckt Lebens- und Liebeslust, Daniel Richters Rockkonzert-Studie erinnert an tolle Bands. Irene Bisangs wundervoll gemalte Innenräume halten intime Atmosphäre von Hausarbeit fest, die oft an Frauen hängenbleibt. Das erinnert an barocke Neuerer, die Geringgeachtetes malerisch adelten.

„Bittersüße Zeiten – Barock und Gegenwart“ bis 6. September in der Kunsthalle Jesuitenkirche, Pfaffengasse 26, Aschaffenburg. Geöffnet: Dienstag 14-20 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10-17 Uhr.

Quelle: op-online.de

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