Am Aschermittwoch ist nichts vorbei

Keine Spur von neckischen Trikots und Netzstrümpfen, stattdessen Trapezkunst und Eleganz pur. Das „Duo Elja“ kommt aus Berlin und ist eine der Spitzennummern im aktuellen Programm des Tigerpalasts.

Frankfurt ‐ Ein Augsburger Bischof beschuldigt die 68er Generation, Schuld an den Missbrauchsfällen in der Katholischen Kirche zu sein, in den Städten wird das Streusalz knapp, und Aschermittwoch ist auch noch. Von Michel Eschenauer

Johnny Klinke steht auf der Bühne seines Tigerpalasts. Die ist kaum größer als das Wohnzimmer eines Reihenhauses, aber Klinke streckt den Bauch heraus, lehnt sich leicht zurück, grinst ins Scheinwerferlicht und platzt fast vor Selbstbewusstsein: „Am Sonntag haben 1,3 Milliarden Menschen in China Neujahr gefeiert. 2010 ist das Jahr des Tigers, das wird unser Jahr. Mitten im Winter hauen wir die Frühjahrspremiere für unser Varieté raus. Das traut sich keiner außer uns!“

Der Tiger steht im chinesischen Horoskop für Leidenschaft, Respektlosigkeit, Idealismus, Dominanzstreben oder Vitalität. Auch Klinke, der Ex-Straßenkämpfer, gibt an diesem Abend den Tiger. Er schimpft gegen Bischof Walter Mixa, den FDP-Chef Guido Westerwelle, der in der Hartz IV-Debatte vor römischer Dekadenz bei der Armutsbekämpfung warnt, und er lässt sich auch durch die Krise, die Instanzen wie dem Tigerpalast zu schaffen macht, nicht einschüchtern.

Die Premieren sind in Frankfurt Kult

„Ohne Subventionen zu existieren, heißt nicht, ohne Freunde zu leben“, bedankt sich Klinke zur Eröffnung des Abends bei Messechef Michael von Zitzewitz. Der ist gerührt und spricht von der Hochseilakrobatik, die die Frankfurter Messe und das Varieté verbinde. Es gehe bei beiden darum, „dass die Gäste mit einer anderen Stimmung herauskommen, als sie hineingegangen sind“. Es ist sein Haus, das zu dieser Premiere eingeladen hat und das zum Kreis zuverlässiger Tigerpalast-Freunde zählt.

Die Premieren in dem seit 1988 bestehenden Varieté sind in Frankfurt Kult. Da trifft die artig gebürstete lokale Voll- oder Demi-Prominenz der Medien (HR-Intendant Reitze), der Wirtschaft (Ex-Fraport-Chef Bender), der Wissenschaft (Uni-Präsident Müller-Esterl), der Politik (Ex-Kultusminister Corts) und des Geldes (Ex-Deutsche Bank-Chef Breuer) zunächst auf „Gänseleber mit Schokolade“, dann auf „Saltimbocca mit Waldpilzen in Barolo“ und am Ende auf die konträre Welt strassbesetzter Trikots, schwingender Kletterseile und Bonmots produzierender Chanson-Sänger. Politische Landschaftspflege der Multiplikatoren ist im Frankfurter Showgeschäft unverzichtbar und geht immer so.

Hartes Training mit Spitzen-Ausbildern

Die 170 Sitzplätze fassende Institution in der ehemaligen Versammlungshalle der Frankfurter Heilsarmee hat das im Grunde nicht mehr nötig. Sie ist ebenso eine eingeführte Marke wie das knapp zweistündige Programm. Zweimal täglich pflegt professionell dekantierte, familiär eingefärbte Freundlichkeit das im Nahkampf des Großstadtdschungels wundgekämpfte Herz des karrierebewussten Businessmenschen. Montag ist Ruhetag.

Die Top-Acts für die Frühjahrssaison 2010 waren bereits gesetzt, bevor Klinke und seine künstlerische Mit-Direktorin Margareta Dillinger am Mittwochabend zum ersten Verkosten einluden. Es sind die Zwillinge „Duo Elja“ aus Berlin und der an breiten Bändern (Strapaten) turnende Artist „Darkan“ aus Kasachstan. Das Trapez-Duo der ehemaligen Waldorfschülerinnen aus Bad Nauheim, die nach ihrer Ausbildung an der Zirkusschule in Berlin den 1. Platz des Deutschen Zirkusfestivals in Wiesbaden gewonnen haben, überzeugte bereits in der vergangenen Saison. „Darkan“, ein Hingucker für die weiblichen Besucher, gilt als Erfolgsprodukt der Tigerpalast-Förderung. Die Hausmarke - Augen asiatisch, Mimik spärlich, Muskeln stahlhart, ein Tiger auch er - hat vor zwei Wochen beim Zirkusfestival in Paris Gold geholt. Durch hartes Training mit Spitzen-Ausbildern habe man den jungen Mann, der vor zwei Jahren als durchschnittlicher Artist aus dem Osten angereist sei, zum Star aufgebaut, berichtet Klinke stolz.

Fast jeder Platz bietet zeitweise eine Spitzen-Aussicht

Wer das Talkumpuder stauben, den vor Anstrengung gepressten Atem hören und die Schweißperlen sehen möchte, sollte versuchen, einen Tisch auf der linken oder rechten Seite zu ergattern. Hier sind einem die Künstler so nahe, dass man sie berühren könnte. Wer vorne in der Mitte Platz nimmt, findet sich beim Hochseil-Showteil auf der weiter entfernten Bühne wieder. Die Bänder von „Darkan“ und das Trapez des „Duo Elja“ hängen nämlich mitten im Saal. Das Schöne am Umbau im Parkett ist andererseits, dass fast jeder Platz zeitweise eine Spitzen-Aussicht bietet. Manchmal - zum Beispiel bei den Zauberkunststücken - kommt der Gast dem Künstler sogar derart nahe, dass er nicht mehr so recht an übernatürliche Vorgänge glauben mag...

Tigerpalast, Heiligkreuzgasse 16-20, 60313 Frankfurt, Tel.: 069-9200220. Die Karten kosten zwischen 53 und 58 Euro. Infos auf der Internetseite.

In dieser Frühjahrssaison erwartet das Publikum eine sich zwischen gutem Durchschnitt und Spitze bewegende Mischung. Es gibt Jonglage (Gala Kuzmenko), Zauberei (Fin Jonn), ein Spiel mit schillernden Ringen, die herrliche Licht-Effekte produzieren (Anton Monastyrsky), das erwähnte „Duo Elja“ und „Darkan“ sowie die imposante Bodenartistik des bärenstarken „Duo Iouvilov“ und den Marionettenmann Alex mit seinen Begleiter Barti.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare