Wie Aspirin nach durchzechter Nacht

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Kopf einziehen! Drei Tonnen Kalk pro Hektar alle zehn bis 15 Jahre sollen den durch sauren Regen und Luftschadstoffe belasteten Boden verbessern.

Frankfurt/Rhein-Main - Wehretal: Wegen der aufgeregten Anruferin brauste ein Streifenwagen los, und ein Polizeihubschrauber hob ab. Einen brennenden Helikopter habe sie gesehen, mit langer Rauchfahne direkt über dem Wald. Doch das abstürzende Fluggerät entpuppte sich als die Arbeit von Forstleuten: In Hessen wird der Wald gekalkt.  Von Chris Melzer (dpa)

Etwa alle 15 Jahre sollen den Bäumen wichtige Nährstoffe zugeführt werden.

Damit das in einem der waldreichsten Bundesländer Deutschlands überhaupt möglich ist, werden abschnittsweise Hubschrauber eingesetzt, die eine lange Kalkfahne hinter sich herziehen.

Mehr als 40 Prozent von Hessen sind Wald. Aus der Fläche könnte man das Saarland, Berlin, Hamburg und Bremen machen - zwei Mal. Doch die Umweltverschmutzung setzt auch den hessischen Wäldern zu, nicht nur der berüchtigte Saure Regen. „Aus diesem Grunde kalken wir. Wir geben dem Wald die Nährstoffe zurück, die ausgewaschen wurden, aber dringend notwendig sind“, sagt Kersten Eidam. Der Förster aus dem nordosthessischen Revier Wehretal stellt es plastisch dar: „Der Wald braucht das einfach. Es ist wie eine Aspirin nach einer durchzechten Nacht: Es löst das Problem nicht, hilft aber ungemein.“

Seit Jahrzehnten sei die Kalkung gang und gäbe, sagt Eidams Chef Thomas Rysavy: „Etwa alle 10 bis 15 Jahre wird eine neue Kalkung empfohlen, um den nach wie vor bestehenden Säureeintrag durch Luftschadstoffe zu kompensieren. Durch die Schadstoffe sind die Bodenorganismen nicht mehr so aktiv. Dadurch droht das Grundwasser zu versauern und zusätzlich können Schwermetalle und Nitrate in das Wasser gelangen.“ Die Kalkung nutze so nicht nur dem Wald, sondern auch ganz direkt dem Menschen.

Gut 50 Euro kostet die Tonne Kalk, drei Tonnen müssen auf jeden Hektar. Im Vergleich zum Hubschrauber ist das „fast gar nichts“, sagt Eidam. Deutlich mehr als 1000 Euro kostet eine Flugstunde. Trotzdem will keiner auf die Helikopter verzichten. „Anders wäre das gar nicht zu machen. So große Flächen sind nur aus der Luft zu bekalken. Und Flugzeuge sind zwar etwas billiger, aber alles andere als punktgenau.“ Die Hubschrauberpiloten bekommen Luftbilder mit exakt eingezeichneten Flurstücken.

Die teure Kalkung muss von den Waldbesitzern bezahlt werden. „Allein in unserem Revier sind das schon 600 000 Euro“, sagt Eidam. Allerdings unterstütze das Land Hessen die Aktion mit Geld. Mindestens zehn Prozent des Kalks werde aus der Staatskasse bezahlt, manchmal mehr: „Es gibt so schmale Handtücher von fünf Metern Breite. Dann beträgt die Förderung auch schon mal 100 Prozent“, sagt der Förster. Das sei reiner Pragmatismus: Vermutlich wäre es teurer, für die Kleinstflurstücke das Streuwerk der Hubschrauber abzustellen.

Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang sind die Piloten unterwegs. Mittlerweile sei die Kalkung akzeptiert, sagen die Förster. Dabei habe es früher durchaus Kritik gegeben. „Da hieß es, wir würden Pestizide versprühen oder Wachstumsmittel. Das wurde zwar nie gemacht, aber das mussten wir den Leuten erst einmal klarmachen.“ Heute erschrecke sich vielleicht mal ein Hund durch den Rotorenlärm, Beschwerden gab es noch keine. Das liege wohl auch daran, dass der Kalk zu kleinen Krümeln zermahlen sei und einfach wie Pulver auf dem Waldboden liege. „In der DDR waren die Krümel viel größer. Wenn sie dann noch bei Regen klumpten, kam da auch schon mal ein fußballgroßer Brocken runter.“

Quelle: op-online.de

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