Astronauten Thomas Reiter und Alexander Gerst berichten

„Ich vermisse den Weltraum“

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Die Internationale Raumstation ist der Außenposten der Menschheit im Weltall. Thomas Reiter (links) war 2006 für knapp sechs Monate dort, Alexander Gerst kehrte im vergangenen November von seinem Ausflug ins All zurück. -

Frankfurt - In der Mainmetropole ist es zu einem kleinen Gipfeltreffen der bemannten Raumfahrt gekommen. Die beiden vielleicht bedeutendsten deutschen Astronauten trafen bei einer Veranstaltung des Hessischen Rundfunks im Sendesaal aufeinander. Und die beiden hatten viel zu erzählen. Von Axel Wölk 

Das Kuriose: Der gebürtige Neu-Isenburger Thomas Reiter ist heute Chef des im vergangenen Jahr mit seinen Twitter-Nachrichten aus dem Weltall für Furore sorgenden Alexander Gerst. Womöglich könnte der heutige ESA-Direktor Reiter darüber entscheiden, ob sein Künzelsauer Schützling nach dem Aufenthalt auf der Internationalen Raumstation ISS eine Chance erhielte, zum Mond zu fliegen. Das Publikum hatte Gerst im Frankfurter Norden auf jeden Fall auf seiner Seite. Rund tausend Zuhörer hatten die Möglichkeit, vom Alltag im All, Notreparaturen mit Rasierschaum und grenzenlosem Torjubel in der Schwerelosigkeit beim WM-Titel der deutschen Fußballnationalmannschaft zu hören.

Allein schon mit schieren Zahlen zog Gerst die Zuhörer in den Bann. Mit 26.000 PS unterm Hintern sei er ins All abgehoben. Danach raste die Rakete mit 28.000 km/h Richtung ISS. Nach nur acht Minuten war er bereits in der Umlaufbahn. „Von da an hat es aber noch sechs Stunden zum Einparken an die ISS gedauert.“ Was Gerst an dem Menschheitsprojekt ISS so fasziniert, fasste er in trockenen Zahlen zusammen: „100.000 Menschen aus vier Kontinenten haben an dieser Station gebaut.“ So eine komplexe Maschine habe es in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben.

Kein Wunder, dass es auch Reiter wieder unter den Fingern juckt. Er und Gerst sind die einzigen beiden deutschen Astronauten, die einen Langzeitaufenthalt von mehr als sechs Monaten im All absolviert haben. Etwas wehmütig sinnierte Reiter: „Ich vermisse den Weltraum. Wenn ich am Schreibtisch sitze und beruflich E-Mails schreibe, denke ich schon manchmal: Da oben wäre es jetzt auch nicht schlecht.“

Am Alltag der ISS-Astronauten hat sich seit Reiters letztem Aufenthalt vor fast zehn Jahren bis zu Gersts Raumfahrt-Abenteuer, das vergangenen November endete, gar nicht mal so viel geändert. Beide unternahmen zahlreiche Experimente für die Wissenschaft und mussten sich täglich rund zweieinhalb Stunden auf dem Laufband und mit anderen Übungen fit halten. Reiter macht aber einen kleinen Unterschied aus: „Bei uns gab es vergleichsweise weniger Wissenschaft.“ Über die Rückkehr zur Erde stöhnen beide. „Nach sechs Monaten in der Schwerelosigkeit war man auf der Erde ganz schön geschafft.“ Gerst überrascht wiederum mit einer Zahl: „Die Landung war so, als wenn man auf der Autobahn von 300 Stundenkilometern in einer Sekunde eine Vollbremsung hinlegt.“

Reiter machte nach zwei Langzeitausflügen im All – erst auf der russischen Mir, später eben auf der ISS – rasant Karriere bei der Europäischen Raumfahrtagentur ESA. Gerst, der seit vergangenem November wieder Mutter Erde unter den Füßen hat, strebt möglicherweise wieder ins All. Beide hat der Weltraum fest im Griff. Ein Leben ohne Raumfahrt ist sowohl für den promovierten Geophysiker Gerst als auch den einstigen Bundeswehr-Kampfpiloten Reiter nicht mehr denkbar.

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Reiters und Gersts Erlebnisse reihen sich ein in das gesamte Menschheitsunterfangen Raumfahrt. Davon profitiert auch etwas Bodenständigeres wie die Meteorologie. „Mit der Beobachtung von außerhalb der Atmosphäre können wir unsere Wettervorhersagen verbessern“, schwärmte der Chef des Deutschen Wetterdiensts aus Offenbach, Professor Gerhard Adrian. Größere Wetterstrukturen ließen sich inzwischen sehr sicher für einige Tage vorhersagen.

Raumfahrt kann aber auch in kosmischere Dimensionen vorstoßen. Reiter berichtete vom im vergangenen Herbst auf halbem Weg zur Sonne auf dem Kometen „Tschuri“ gelandeten Philae. „Die Batterien sind jetzt aufgeladen.“ Reiter und sein Team vom Europäischen Satellitenkontrollzentrum ESOC in Darmstadt hoffen auf viele Daten für die Forschung. „Der Komet wird jetzt aktiv. Er bildet seinen Schweif aus. Gerade jetzt wäre es sehr interessant, auf der Oberfläche Daten zu sammeln.“

Das Abenteuer Raumfahrt hat endlos viele Facetten. Beim Hessischen Rundfunk beleuchteten wichtige Vertreter dieses seit 50 Jahren betriebenen Wagnisses einige von ihnen.

Quelle: op-online.de

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