Geigerin Lisa Batiashvili

Atemraubender Nervenkrimi

Frankfurt - Die georgische Geigerin Lisa Batiashvili überzeugt als Solistin in der Alten Oper gemeinsam mit dem Konzertorchester der „Accademia Nazionale di Santa Cecilia“. Von Axel Zibulski 

Ihre Kollegen vom Orchester der Oper Rom gerieten unlängst in die Schlagzeilen, weil ihnen allen an einem einzigen Tag kollektiv gekündigt wurde. Diese drastische Maßnahme war zwar nach Protesten einige Wochen später wieder vom Tisch, zeigte aber, wie schnell es Kulturschaffenden in Italien derzeit an die Substanz gehen kann. Daran gemessen, haben es die Kollegen vom Konzertorchester der „Accademia Nazionale di Santa Cecilia“ verhältnismäßig gut: Beim Gastspiel unter ihrem Chefdirigenten Antonio Pappano bestätigten sie, warum ihnen aus Rom ein glänzender Ruf vorauseilt.

Ein Kaleidoskop der Orchesterfarben, der tönenden Bilder, der mitreißenden musikalischen Erzählung zuerst: Die Sinfonische Dichtung „Der Zauberlehrling“, vom französischen Spätromantiker Paul Dukas frei nach Goethes Ballade komponiert, markierte den grandiosen Beginn. Nichts klang da verwackelt oder gar mit dem opernhaft breiten Klangpinsel aufgetragen, nicht die piksenden Pizzicati der Streicher, nicht das sonore Fagott, das des Zauberlehrlings Besen selbstständig werden lässt, nicht einmal die heftigen, physisch spürbaren Tutti-Karambolagen. Antonio Pappano trug kräftig, plastisch, druckvoll auf – was für atemlose zwölf Minuten!

Solistin hält klangvollem Orchester stand

Dem drängenden, häufig auch kraftvollen Ansatz des schon vom Namen her klangvollen Orchesters hielt die durchsetzungsstarke Solistin des Abends perfekt stand: Lisa Batiashvili, 1979 in Georgien geboren, stellte mit ihrer absolut souveränen Interpretation des Violinkonzerts d-Moll op. 47 von Jean Sibelius locker ihre Star-Kollegin Anne-Sophie Mutter in den Schatten, die im selben Werk am selben Ort wenige Wochen zuvor technisch viel zu viele Federn lassen musste. Mehr noch: Batiashvili brachte sich dunkel-glutvoll, im langsamen Satz berückend leise, im Finale betörend leicht und insgesamt musikantisch großartig ein, oft spannungsvoll lauernd in der Spielhaltung, in mancher Phrasierung mehrfach gebrochen und schattiert. Eine Sibelius-Interpretation auf Nervenkrimi-Niveau!

So wirkt Musik auf unseren Körper

So wirkt Musik auf unseren Körper

Nach der Pause schließlich Modest Mussorgskys Klavierzyklus von den „Bildern einer Ausstellung“, wie ihn Maurice Ravel 1922 für Orchester gesetzt hat. Erstaunlich: Lange ließ Dirigent Pappano Eleganz, Klarheit, Transparenz dominieren, mehr Ravel als Mussorgsky folgend, selbst in solch urwüchsigen Bildern wie dem eines rumpelnden Ochsenkarrens oder im Duett des reichen Samuel Goldenbergs mit dem armen Schmuyle. Dessen Bettelrufe hat man derart straff und bohrend wohl selten vernommen wie hier von der brillanten Solo-Trompete – nur eine von so vielen klangluxuriösen Leistungen der Musiker. Sie klangen sogar im Final-Pathos des „Großen Tors von Kiew“ mehr schneidend genau als bloß breit und wuchtig. Mit viel Jubel ging es in die Zugaben, in eine Nummer aus Edward Elgars „Enigma-Variationen“ wie ins Galopp-Thema aus Rossinis „Wilhelm-Tell“-Ouvertüre als tönendem Gruß aus Italien.

Quelle: op-online.de

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