Auch viele Städte müssen investieren

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Der Darmstädter Wissenschaftler Ingo Sass  kritisiert die Pläne für neue Stromtrassen durch Deutschland. Vielmehr müssten die lokalen Netze für die Energiewende fit gemacht werden. Die Offenbacher EVO sieht sich gerüstet.

Frankfurt - Die Energiewende könnte auch für die hessischen Städte zur großen Herausforderung werden, meint der Darmstädter Wissenschaftler Ingo Sass. Von Michael Eschenauer

Zigtausende Kilometer meist in der Erde verlegter Nieder- und Mittelspannungskabel in den Kommunen genügten den Ansprüchen der Energiewende nicht. „Die sind zum Teil über 100 Jahre alt. “ Ihre Sanierung werde volkswirtschaftlich viel teurer sein als der Bau neuer Stromtrassen.

Doch Sass warnt auch vor zu großer Hektik: „Natürlich ist es richtig, dass wir in Deutschland eines der ältesten Stromnetze der Welt haben und dass die Einspeisung von Wind- und Sonnenenergie zu höheren Belastungsspitzen führen wird“, so der Wissenschaftler am Institut für Angewandte Geowissenschaften der Technischen Universität Darmstadt. „Aber die regionalen und lokalen Netze bis in die Stadtteile und Straßen haben eine höhere Leistungsfähigkeit als angenommen.“

Der Hydrogeologe verweist auf Versuche mit Stromkabeln in der Erde, die ergeben haben, dass die kühle Temperatur des Untergrunds zu einer Verbesserung der Leistungsfähigkeit der Leitungen um bis zu 40 Prozent führt. „Damit haben wir etwas mehr Luft – sowohl was die Zeit, als auch was die Kosten der Modernisierung betrifft“, so Sass’ Folgerung.

„Wir haben alte Netze“

Denn die Leistungssteigerung bewirke auch geringere Investitionskosten. Bei den bisherigen Modellrechnungen bezüglich des Modernisierungsbedarfs von Bodenleitungen sei man von zu konservativen Standardberechnungen ausgegangen. Jetzt könne man die Leitungen effektiver dimensionieren. Experten gehen davon aus, dass der Effekt der Leistungssteigerung durch die Bodenbeschaffenheit auch bei Höchst- und Hochspannungsnetzen auftritt.

Die Modernisierung des Nieder- und Mittelspannungsnetzes müsse stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden, so Sass. Bisher drehe sich die Debatte fast ausschließlich um den Verlauf und die Kosten der Höchst- und Hochspannungstrassen. Davon gebe es in Deutschland 116.000 Kilometer. Verglichen damit sei die Trassenlänge bei Mittel- und Niederspannung astronomisch. Sie liege bei 600.000 für die Mittel- und weit über eine Million Kilometern bei der Niederspannung. „Wir haben alte Netze, die modernisiert werden müssen. Die Energiewende bedeutet einen zusätzlich notwendigen Investitionsschub. Aber die Lage ist nicht so dramatisch, dass uns ein Zusammenbruch der Netze in naher Zukunft droht“, so Sass. In Kürze wird das Institut erste Forschungsergebnisse vorlegen.

Energiewende: Diese Probleme sind noch zu lösen

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Auch die Energieversorgung Offenbach (EVO) gibt Entwarnung. „Unser Stromnetz ist für die Energiewende bestens gerüstet“, sagte Sprecher Martin Ochs. Dies habe eine Studie der MVV Energie AG ergeben. Der EVO-Partner aus Mannheim hatte im Jahr 2012 die Auswirkungen der Energiewende auf das EVO-Netz untersucht. Das Ergebnis: Das von der EVO betriebene Stromnetz ist dem prognostizierten Zuwachs an dezentraler Erzeugung bis 2030 und darüber hinaus gewachsen. Ein Netzausbau dürfte „nur in Einzelfällen und in äußersten Randlagen des Netzes notwendig werden“.

Darüber hinaus profitiere das EVO-Netz von der Tatsache, dass die Mittelspannung mit 20 Kilovolt ausgelegt sei und damit eine doppelt so hohe Übertragungsfähigkeit im Vergleich zu anderen Stromnetzen im Rhein-Main-Gebiet habe. Diese würden meist mit zehn Kilovolt betrieben werden.

Quelle: op-online.de

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