30 Naturschutzgebiete in den Landkreisen Main-Kinzig, Wetterau und Gießen

Vogelparadies im früheren Braunkohlerevier

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Nidda - Das Naturschauspiel im 740 Hektar großen „Auenverbund Wetterau“ nutzt den frühesten Frühling seit langem. Von Reinhold Gries

Was da in Feucht- und Seengebieten um Nidda, Wetter, Horloff, Nidder und Seemenbach – auch im rekultivierten Braunkohle-Tagebauareal um Wölfersheim, Utphe und Reichelsheim - alles an- und abfliegt, schnattert und pfeift, rallt und balzt, wird sich verstärken, wenn die Amphibien aus dem Winterschlaf erwachen und ins Paarungsgeschäft einsteigen. Die vor 25 Jahren erlassene Verordnung der Hessischen Landesregierung zum neu geschaffenen Areal zeigt Wirkung. Sie wird gerade vom Regierungspräsidium Darmstadt überarbeitet und präzisiert. Die Neufassung der Verordnung wurde bereits ausgelegt. Angestoßen wurde der Verbund, verzahnt mit dem Regionalparkprojekt „Seenplatte Wetterau“ in ehemaligen Tagebaurestseen, vor 40 Jahren vom Forschungsinstitut Senckenberg. Dessen „Richtlinien für einen Auenverbund Wetterau“ erschienen die Wetterauflüsse soweit intakt, um sie ins Regenerationskonzept einzubeziehen. Immerhin zählte man 1974 auf Überschwemmungsflächen schon bis zu 5000 Wildenten diverser Art. Die Senckenberger wollten der Begradigung gewundener Wasserläufe entgegentreten, dem Hochwasser Raum geben und naturfeindliche Betonbetten aufbrechen - auch zur Anreicherung des Grundwassers und zur Sicherung des Trinkwassers in der Rhein-main-Region. Die Ökologen wollten Talauen von Bebauung freihalten, parkähnliche Freizonen entlang der Wasserläufe schaffen, die Trockenlegung von Auen und das Zuschütten von Teichen stoppen und rückgängig machen. Und die Natur sich selbst überlassen.

Es dauerte dann fünf Jahre, bis sich Obere Naturschutzbehörde, Planungsverband, Wasserwirtschaft, Landwirtschaftsverwaltung und Naturschutz mit den Senckenberg-Forschern trafen, erst Ende 1984 lag die Nutzungskartierung fürs Naturschutzministerium vor. Es folgten Bau- und Grünlandumbruchverbote auf 6500 Hektar Auenfläche. Motor des Wandels waren Naturschutzverbände wie der Naturschutzbund Nabu oder der Deutsche Bund für Vogelschutz. Der Durchbruch kam mit Hilfe aus Dublin, wo man die Initiative „Auenverbund Wetterau“ 1988 mit dem Europäischen Umweltpreis auszeichnete. Nach der Ausweisung von 1989 wurde das Areal Europäisches Vogelschutzgebiet bzw. Schutzraum nach FFH-„Flora-Fauna-Habitat“-Richtlinien des „Natura 2000“-Netzwerks.

Schaut man sich die rund 30 Naturschutzgebiete an von gut beschilderten Pfaden, Hochständen und Aussichtsplattformen am weiträumigen Schutzgebiet, ist der Verbund zur Erfolgsgeschichte geworden. Wundervoll eingewachsene und verschilfte Seen, kaum zu überblickende amphibische Sumpf-, Wasser- und Kopfweidenflächen bieten auch seltenen Vögeln Lebensraum. Schön sieht man das am NSG „Bingenheimer Ried“ oder von der „Burg“-Anhöhe bei Nieder-Widdersheim mit weitem Blick übers NSG „Mittlere Horloffaue“. In ganzjährig überfluteten Wiesen und Schilfflächen findet man mindestens 35 Brut- und Rastvogelarten wie Löffelente und Rohrweihe, Wasserralle und Kiebitz, die Blässgans und Brachvogel. Was man kaum sieht wie den Wachtelkönig oder die Schilfrohrsänger, kann man deutlich „verhören“. Übertönt wird das derzeit im Bingenheimer Ried von einer Graugans- und Höckerschwan-Großinvasion. Sogar erste Teich- und Kammmolche wagen sich aus den Verstecken, während die zahlreichen Libellen wärmere Tage brauchen. Auch ohne Feldstecher ist bei Reichelsheim zu beobachten, dass alle Storchenhorste besetzt sind. Ein Weißstorchenpaar hat sich gar nicht erst die Mühe gemacht loszufliegen und den milden Winter vorausgespürt.

Quelle: op-online.de

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