In aufrichtiger Hassliebe verbunden

Frankfurt/Offenbach - Genie und Wahnsinn liegen nahe beieinander. „Nur“ der Kaiserlei trennt sie. Die feindselige Freundschaft zwischen Offenbach und Frankfurt ist nicht nur berühmt-berüchtigt. Sie wird gelebt. Von jedem. Nur warum eigentlich? Von Barbara Wellmann

Die gegenseitige Abneigung der beiden Nachbarstädte besteht schon seit Geburt. Es ist eine „natürliche Feindseligkeit“, die von Generation an Generation weitergegeben wird. Eine „Grundwahrnehmung“, die alle leben, auch wenn sie keine Ahnung haben, warum es diesen Groll gibt. Aufklärung in Sachen Nachbarschaftskonflikt bot nun Vicente Such-Garcia mit seinem Vortrag „Kultivierte Animositäten“, den er im Karmeliterkloster in Frankfurt hielt.

„Selbst Frankfurts größter Sohn, Goethe, besuchte Offenbach. Vier Mal!“, ermutigt Garcia die Zuhörer, die Stadtgrenze zu überqueren. Seine Anekdoten und Analysen zur Beziehung zwischen Offenbach und Frankfurt bleiben jedoch wertfrei. Weitestgehend. Garcia berichtet vom Frankfurter Adler auf dem Grenzstein in Offenbach, der „wie ein gerupftes Huhn“ aussähe und zitiert Bekannte, die Offenbach als „Terra incognita“ bezeichnen.

Beim Fußball hört der Spaß auf

Das Publikum lacht bei vielem. Bei allem. Nur nicht beim Fußball. Zumindest die Männer. Denn dass die Offenbacher Kickers der einzige Verein seien, der 6:0 gegen Bayern München gewonnen habe, entlarven sie sofort als unwahr. „Schließlich hat das auch die Eintracht geschafft“, merkt ein Zuhörer an. Aber auch Offenbach-Kenner zuckt es, wenn von der unfreiwilligen Eingemeindung von Bürgel die Rede ist. Schließlich war das Bieber. „Die wollen ja immer noch nicht dazugehören“, flüstert ein Gast. Die beiden katholischen Stadtteilen können schon einmal für Verwirrung sorgen.

Die Gäste sehen das nicht so eng. Hauptsache, die üblichen Klischees fehlen nicht. Schließlich ist das Publikum nicht nur zum Lernen, sondern zum Lachen da. Dass das Autokennzeichen OF „ohne Führerschein“ oder – die Rechtschreibung ausgenommen – auch „ohne Verstand“ heiße, sorgt für heitere Stimmung im überfüllten Raum.

Woher kommen die Animositäten?

Der gebürtige Spanier Vincente Such-Garcia lebt in Frankfurt und arbeitet in Offenbach, unter anderem im Stadtarchiv. Er ist neutral. Stadtführungen gibt er jedoch in Offenbach. „Was gibt‘s denn dort zu führen?“, fragen ihn Freunde. Garcia lässt sich davon nicht abschrecken und zählt Isenburger Schloss, Büsingpark oder das Ledermuseum auf.

Von der Animosität zwischen den beiden Städten erfuhr er das erste Mal als kleiner Junge, auf der Fahrt mit der Straßenbahn 16 in Richtung Stadtgrenze. „Als Gastarbeiterkind fragte ich mich, brauch‘ ich jetzt einen Pass“, erinnert sich der 54-Jährige. Seine Neugier, warum eine Grenze zwei Städte trenne, war geweckt und er machte sich daran, zu ergründen, woher die Animositäten stammen.

Offenbacher Fleischschmuggler

In seinem Vortrag erzählt er von der historischen Entstehung der Arbeiterstadt auf der einen und der Verkehrs- und Bankenstadt auf der anderen Seite der Gaugrenze. Er entlarvt die Frankfurter als Offenbacher Fleischschmuggler und heimliche Offenbacher Fastnachts-Gäste. Stellt die (bekannte) Vermutung auf, dass der Ort für die Mülldeponie „Monte Scherbelino“, absichtlich so ausgewählt wurde, dass bei Ostwind die Offenbacher riechen könnten, „was die Frankfurter so essen.“ Gebannt lauscht das Publikum den Anekdoten, etwa jener vom verwirrenden Jagdrecht am Offenbacher Buchrainweiher. Schließlich dann die Antwort auf die Frage aller Fragen: Feindseligkeit, Rivalität, Groll - all das spräche für die tiefsitzende Sehnsucht nach Heimat, Zugehörigkeit und Identität.

Die „verwirrende“ Gaugrenze gibt es übrigens seit 1995 nicht mehr. Der gemeinsame Verkehrsverbund RMV hat sie endgültig aufgehoben. Offiziell. In den Köpfen – und den Herzen – existiert sie weiter. Das pünktlich zur „Grenzaufhebung“ aufgestellte Symbol für diese Freundschaftsgeste ist das „Krie de Kränk“-Denkmal am Offenbacher Aliceplatz. Die Animosität wird öffentlich gelebt. Das sollte nach Ansicht Garcias auch nie enden. „Das wäre ja langweilig!“

Quelle: op-online.de

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