Frankfurt/Rhein-Main

„Aus Gefühllosigkeit die Pflege und Ernährung nahezu eingestellt“

Jacquelines Eltern - eine 23-Jährige und ein 35 Jahre alter Industriemechaniker - stehen wegen Mordes durch Unterlassen und Misshandlung Schutzbefohlener erneut vor Gericht. Der Fall um Jacquelines Hungertod muss am Landgericht Gießen neu aufgerollt werden. Den Eltern drohen nun doch lebenslange Haftstrafen.

Gießen - Als Jacquelines Herz im März 2007 aufhört zu schlagen, geht für das kleine Mädchen ein monatelanges Martyrium zu Ende. Das 14 Monate alte Kind wird von unvorstellbaren Qualen erlöst, die es im Haus seiner Eltern in der 2000-Seelen-Gemeinde Bromskirchen in Nordwesthessen erleiden musste - unbemerkt von Großeltern, Familienangehörigen, Nachbarn und Behörden. Jacqueline verhungert und verdurstet, weil weder Mama noch Papa sie fütterten und pflegten. Als ihre Mutter sie schließlich zu einer Ärztin bringt, ist Jacqueline bereits tot. Das bis auf die Knochen abgemagerte Mädchen wiegt nur noch sechs Kilogramm - etwa halb so viel wie für Kinder dieses Alters üblich.

Jacquelines Eltern - eine 23-Jährige und ein 35 Jahre alter Industriemechaniker - stehen seit gestern wegen Mordes durch Unterlassen und Misshandlung Schutzbefohlener erneut vor Gericht. Der Fall um Jacquelines Hungertod muss am Landgericht Gießen neu aufgerollt werden. Den Eltern drohen nun doch lebenslange Haftstrafen.

Anders als beim ersten Prozess versteckt Jacquelines Mutter ihr Gesicht nicht unter einem Kleidungsstück, als sie um kurz vor zehn Uhr Gerichtssaal 207 betritt. Ihr dunkelblondes Haar ist viel länger geworden. Mit ihrem Mann tauscht sie nur einen flüchtigen Blick aus. Zum Auftakt des Prozesses macht die Angeklagte keine Aussage. Während sich ihr Mann mehr als zwei Stunden den Fragen des Gerichts, der Verteidiger und Staatsanwaltschaft stellt, fertigt die 23-Jährige Notizen an.

Das Landgericht Marburg hatte die Mutter wegen Totschlags durch Unterlassen und Misshandlung Schutzbefohlener zu acht Jahren Haft verurteilt. Ihr Mann hatte drei Jahre und drei Monate wegen vorsätzlicher Körperverletzung und fahrlässiger Tötung erhalten. Die Staatsanwaltschaft hatte für beide lebenslange Haft wegen Mordes durch Unterlassen beantragt und ging erfolgreich in Revision.

Immer wieder bricht der 35-Jährige in Tränen aus, reibt sich die Augen, senkt den Blick, als er schildert, wie der Alltag der kleinen Familie in dem früheren Bauernhaus in Bromskirchen ablief. Von der Schwangerschaft seiner Frau habe er erst am Tag von Jacquelines Geburt erfahren. Doch auch wenn es überraschend gewesen sei, habe er sich gefreut. Er sei arbeiten gegangen, habe sich um die beiden Hunde und mehrere Aquarien im Erdgeschoss gekümmert und versucht, den Umbau des Hauses voranzubringen, das sich immer mehr als „Bruchbude“ entpuppt habe. Jacqueline und der Haushalt seien Aufgaben seiner Frau gewesen.

Am Anfang habe er noch regelmäßig nach seiner Tochter geschaut, aber dann irgendwann nicht mehr. Er habe sich nur noch im Erdgeschoss aufgehalten, wenn er zu Hause war, sagt der Angeklagte. „Das ist mir halt alles über den Kopf gewachsen.“ Etwa drei Wochen vor ihrem Tod habe er seine kleine Tochter das letzte Mal gesehen. „Sie sah nicht krank aus, kein lebensbedrohlicher Zustand, sonst hätte ich doch irgendwas gemacht“, sagt der Angeklagte. Wenn er zuletzt nach Jacqueline habe schauen wollen, habe ihn seine Frau mit der Begründung gehindert, die Kleine schlafe. „Im Nachhinein muss ich sagen, sie hat mich davon ferngehalten“, sagt der 35-Jährige.

Die Staatsanwaltschaft sieht im Nicht-Handeln des Elternpaars das Mordmerkmal der Grausamkeit erfüllt. Von Dezember 2006 bis zu Jacquelines Tod sollen die Eltern „aus Gleichgültigkeit und völliger Gefühllosigkeit gegenüber ihrem Kind“ dessen Pflege und Ernährung nahezu eingestellt haben, sagt Staatsanwältin Yvonne Vockert. Die mehrmonatige Mangelversorgung habe Jacquelines kleinem Körper dermaßen zugesetzt, dass sich ihre wunde Haut zwischen Knien und Nabel ablöste. Nur zwei bis drei Mal am Tag habe die Mutter nach dem kleinen Mädchen geschaut. Ansonsten sei Jacqueline in ihrem Kinderbettchen sich selbst überlassen gewesen - bis ihr Herz aufhörte zu schlagen.

Quelle: op-online.de

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