Ausflug ins Märchenland

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Mit kraftvollen Choreographien erinnert „India“ an den kriegerischen Ursprung einiger Tänze.

Frankfurt ‐ Indien war und ist das Märchenland schlechthin - zumindest für den westlichen Betrachter, dessen Phantasie durch Bücher von Autoren wie Kipling, Hesse oder auch Trojanow angeregt und von Filmen wie dem „Dschungelbuch“ befeuert worden ist. Von Christian Riethmüller

Tiger, Elefanten, heilige Kühe; Gurus, Yogis und Fakire, aber auch prächtige Denkmäler wie der Taj Mahal oder der Palast der Winde tauchen in diesen Phantasien auf, aus denen sich die Vorstellung von einem „Land der Mysterien und Wunder“ speist.

Dieses märchenhafte Bild wird nun von der Show „India“, die am Donnerstagabend in Frankfurt ihre Weltpremiere erlebte, weitergezeichnet. 75 Tänzer, Musiker und Artisten zelebrieren während des gut zweistündigen Spektakels ein Fest, wie es einst die Maharadschas in ihren Palästen ausgerichtet haben sollen. So wie in der am Güterplatz unweit des Frankfurter Hauptbahnhofs errichteten, 2000 Besucher fassenden Zeltstadt ist es zwar sicherlich niemals in irgendeinem Palast zwischen Himalaya und Indischem Ozean zugegangen, doch werden in der Show sehr wohl verschiedene kulturelle Traditionslinien des Subkontinents aufgegriffen und neu interpretiert oder vermeintlich europäische Varieté- und Zirkuskunststücke auf ihren Ursprung zurückgeführt.

Obwohl „India“ vom langjährigen Regisseur des „Cirque du Soleil“, Franco Dragone, inspiriert und von dessen langjährigem Wegbegleiter Brian Burke inszeniert worden ist, geht das von „Afrika! Afrika!“-Produzent Matthias Hoffmann veranstaltete Gaudium über eine Zirkusshow hinaus, wenngleich die artistischen Szenen beim Premierenpublikum den größten Anklang fanden.

Meterhohen Turm aus Kupferkesseln auf dem Kopf

Vor allem eine Mallakhamb genannte akrobatische Kunst dürfte jeden Kunstturn-Liebhaber in Entzücken und auch ungläubiges Staunen versetzen. Bei dieser auf einen in Südindien gepflegten Wettkampfsport zurückgehenden Nummer müssen die zehn Akrobaten an einem etwa drei Meter hohen Holzpfahl in kurzer Zeit so viele Figuren wie möglich vorführen. Dabei vollführen sie die verrücktesten Verrenkungen und zeigen eine Körperbeherrschung, die sogar die Schwerkraft überwinden hilft, wenn der Akrobat quer zum Pfahl hängt wie eine Flagge am Mast.

Nyay Singh hält auch auf dem Hochseil die Balance.

Ähnlich atemberaubend geht es zu, wenn der Seiltänzer Nyay Singh sich einen meterhohen Turm aus Kupferkesseln auf den Kopf setzen lässt und meint, diesen Balanceakt auf einem in der Mitte der Zeltkuppel gespannten Seil vollführen zu müssen, bei dem er auch noch in einen Metallreifen steigt. Dieser bei der Premiere mit Bravour gemeisterte Seilakt gewinnt noch zusätzlichen Reiz, weil Pawan Singh auf Stelzen assistiert, auf denen er sich so selbstverständlich bewegt, dass er mit ihnen sogar Stepptanzen kann.

Tanz ist neben den akrobatischen Einlagen das zweite Merkmal der Show. Ray Leeper und der in Indien als Superstar verehrte Shiamak Davar haben für das vielköpfige, ausschließlich indischstämmige Ensemble kraftvolle Choreografien geschaffen, die geschickt traditionelle Tänze mit den aus Popkultur, Musikvideos und Tanzfilmen vertrauten Formen mischt, auch auf den möglichen Vorwurf hin, eine auf Las Vegas abzielende Universal-Choreographie zu variieren. Der genauere Blick zeigt aber, dass die Formationen religiös intendierte Riten aufnehmen und mit den Verrenkungsfiguren oder der Stellung von Fingern und Händen die Darstellungen auf Tempelreliefs aufgreifen. Andere Tänze variieren alte Kampfsportarten wie Kalarippayattu, denen ihrerseits in ihren fließenden, Verhaltensweisen aus der Tierwelt nachahmenden Bewegungen viel Tänzerisches anhaftet.

Es wird offensichtlich die Tradition gepflegt

Zwischen Tanz und Akrobatik ist auch noch Platz für ruhigere Momente, in denen etwa der wunderbare Prahlad Acharya nur mit seinen Händen Indiens Tierwelt als Schattenfiguren auftreten lässt oder Rajesh Raveendran und Pradeep Subramaniyan an einem Seil faszinierende Gleichgewichtsartistik vorführen.

„India“ ist bis zum 24. Januar in Frankfurt, Güterplatz/Ecke Mainzer Landstraße, zu sehen. Tickets unter der Rufnummer 01805-725299 und auf der Internetseite des Veranstalters.

Wird hier noch offensichtlich die Tradition gepflegt, orientiert sich die Musik, die von einer Live-Band beigesteuert wird, scheinbar an europäischen oder amerikanischen Geschmäckern und zitiert etwa Peter Gabriel, Sting oder die Beatles. Doch gerade für die Fab Four war Indien ja auch einst das Märchenland und der Kulturaustausch zwischen Europa und Indien noch nie eine Einbahnstraße.

Quelle: op-online.de

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