„Wir brauchen einen ganz anderen Mut!“

Abschied von Europa: Ausstellung über Stefan Zweig

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Fahrt ins Ungewisse: Stefan Zweig auf seiner ersten Brasilienreise im Jahr 1936

Frankfurt - Die Deutsche Nationalbibliothek erinnert mit einer sehenswerten Ausstellung an den österreichischen Schriftsteller Stefan Zweig, der von den Nazis ins Exil und in den Selbstmord getrieben wurde. Von Maren Cornils 

Er sprach fließend Englisch, Französisch, Italienisch und Deutsch. Diese Sprachvielfalt verdankte Stefan Zweig dem bürgerlich-jüdischen Elternhaus. Sein Vater stammte aus Mähren, die Mutter aus Italien. Zweig war aus ganzem Herzen Europäer, sein früh erwachtes literarisches Interesse galt fast ausschließlich großen europäischen Geistern: Erasmus von Rotterdam, Paul Verlaine, Maria Stuart, Marie Antoinette, Honoré de Balzac, Charles Dickens oder Leo Tolstoi. Dass der Österreicher seiner Zeit weit voraus war, nicht nur in seinem Verständnis von einer „europäischen Nation“, sondern auch in seiner Vorahnung, wohin Adolf Hitlers Wahnsinn einmal führen würde, zeigt eine äußerst sehenswerte Schau in der Deutschen Nationalbibliothek. Der Anlass ist freilich ein trauriger: Im Februar vor 74 Jahren nahm sich Zweig (1881-1942) im brasilianischen Exil das Leben, weil er, wie er es ausdrückte, nicht mehr daran glaubte, die Morgenröte noch einmal über Europa aufdämmern zu sehen.

Petrópolis, Rua Gonçalves Dias Nr. 34, die letzte Wohnadresse von Stefan und Lotte Zweig

„Wir brauchen einen ganz anderen Mut“ ist die Schau des Österreichischen Theatermuseums Wien überschrieben, und der Untertitel „Abschied von Europa“, macht noch deutlicher, wo ihr Schwerpunkt liegt: auf den Jahren, in denen der Literat heimatlos durch ein ihm immer fremder werdendes Europa pilgerte. Ein Schicksal, das er mit vielen Schriftstellern, Musikern, Intellektuellen und Künstlern teilte. Die nicht chronologisch geordnete Schau beginnt in den frühen 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Bilder über Bilder sind in zwei Räumen im Erdgeschoss der Bibliothek zu sehen. Sie zeigen einen meist ernsten, stets etwas melancholisch dreinblickenden Schriftsteller. Anfangs ist er noch im Garten seines Salzburger Anwesens zu sehen, dann folgen Aufnahmen auf Passagedampfern, im englischen, amerikanischen oder brasilianischen Exil oder in der Schweiz.

Ob Zweig, stets tadellos und wie ein Gentleman gekleidet, mit seiner zweiten Ehefrau Lotte mit Vertretern der intellektuellen Elite, mit Freunden wie dem Verleger Anton Kippenberg oder Eric Fuchs, mit Diplomaten, mit Sigmund Freud oder gar dem brasilianischen Staatschef posiert: Es sind Dokumente der zunehmenden Resignation. Die Bilder stellen freilich nur eine Ebene der vielschichtigen Ausstellung dar. Der vordere Teil des Raumes – ein inmitten einer roten Sessellandschaft aufgebautes Schachspiel erinnert an Zweigs wohl bekanntestes Werk – erinnert an das literarische Schaffen und zeigt Bücher, Erstausgaben, Manuskripte, Übersetzungen und auch den Kommentar zu der 1904 verfassten Dissertation.

Brasilianische Erstausgabe von 1942

Der hintere Teil des Raumes verwandelt sich gänzlich in den Schauplatz der „Schachnovelle“, das Wiener „Hotel Metropol“, in dem die Gestapo ab 1938 ihre Zentrale eingerichtet hatte. Er ist in Schwarz getaucht und erweckt so einen fast klaustrophobischen Eindruck: Die Wände zieren schwere, Erinnerungen an die Gestapo wachrufende Ledermäntel. Zitate aus Zweigs „Schachnovelle“ schlagen gekonnt den Bogen zum Hotel. Ein großes Modell der Nobelherberge, Augenzeugenberichte Inhaftierter sowie Hörstationen machen Geschichte erfahrbar. Was hier zu sehen, zu hören und zu lesen ist, verursacht Gänsehaut. „Es gibt keine Sitten bei diesen Affen. Protestieren Sie in keiner Form. Schweigen Sie oder kämpfen Sie: Was Sie für klüger halten“- diesen Satz, den Joseph Roth 1933 an Zweig schrieb, zeigt die einzigen Wahl, die Regimegegner hatten: Resignation oder Widerstand. Zweig bekämpfte den NS-Staat aus der Ferne und mit der Waffe des klugen Mahners: der spitzen Feder.

  • „Wir brauchen einen ganz anderen Mut! Stefan Zweig – Abschied von Europa“ bis 24. März in der Deutschen Nationalbibliothek, Adickesallee 1, Frankfurt. Geöffnet: Montag bis Freitag 14-20 Uhr, Samstag 14-18 Uhr

Quelle: op-online.de

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