Bahnhofsviertelnacht: Ramponierten Ruf aufpolieren

Frankfurt (dpa/isi) ‐ Blaulicht zuckt durch die Straße, ein Haus wird gestürmt, Polizisten mit Maschinenpistolen kontrollieren und Schaulustige recken die Hälse - alles andere als Werbung für die Veranstalter der „Bahnhofsviertelnacht“.

Denn kurz bevor das gern als Problemquartier angesehene am Donnerstagabend versucht, mit Live-Musik und Führungen seinen Ruf als Rotlicht- und Drogendistrikt zu korrigieren, fallen Schüsse vor einem Bordell in der Elbestraße.

Polizisten und taumelnde Junkies, Nachtschwärmer und neugierige Kulturfreunde - diese Mischung bestimmt zumindest das Bild des Abends und könnte jene bestätigen, die seit Jahren einen Bogen um das Bahnhofsviertel schlagen. Dabei versteht es Frankfurts zweitkleinster Stadtteil bei der dritten Auflage der „Nacht“, Kreativität zu beweisen, wo sie kaum erwartet wird.

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Hinter den Kulissen des Bahnhofsviertels

Nach Schätzungen der Stadt nutzten rund 20.000 meist jüngere Menschen am Donnerstagabend die Gelegenheit, einen Blick hinter die Fassaden der Händler und Geschäfte, Hotels und Bars zu werfen. An 30 Stationen - vom Gewerkschaftshaus über das English Theatre, die legendäre Schuhmacherei Lenz, die Freimaurerloge zur Einigkeit mit ihrem prächtigen Logenhaus an der Kaiserstraße bis hin zur Drogenberatung oder zu verschiedenen Table Dance- oder Cabaret-Etablissements - öffneten die Anlieger ihre Türen. Egal ob vor der Moschee in der Münchner Straße oder dem Sexclub, bei der Bahnhofsmission oder den Gemüsehändlern in der Einkaufspassage - „das Interesse war gewaltig und hat uns überrascht“, sagte Stadtsprecher Nikolaus Münster. „Wir wollten, dass die Frankfurter dieses Viertel entdecken.“

Denn seit einigen Jahren bemüht sich die Stadt intensiv darum, das Bahnhofsviertel rund um die zentrale Kaiserstraße wiederzubeleben. Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) ist überzeugt vom jüngsten Kurs: „Wir haben in den vergangenen Jahren einen sehr starken Wechsel vollzogen“, sagte das Stadtoberhaupt. „Es ist wieder gefragt, hier zu wohnen.“

Polizeieinsatz nach den Schüssen:

Schüsse vor Bordell geben Polizei Rätsel auf

Darauf hofft auch Daniel Mekbeb. Seit vier Jahren gehört ihm eine Schneiderei in einer Passage. Während sich am Donnerstagabend die Massen an den Schaufenstern vorbeischieben, herrscht an normalen Tagen eher gähnende Leere. „Die meisten denken, rund um den Bahnhof sei es einfach schlecht, gefährlich und dreckig“, sagt der Äthiopier. Gemeinsam mit anderen Einzelhändlern der Nachbarschaft will er diesen Ruf gern aufpolieren.

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Dennoch bleiben Kriminalität und Drogenmilieu ein Dauerbrenner im Viertel. Beschwerden von Geschäftsleuten, Passanten, Anwohnern und den Touristen der zahlreichen Hotels wie dem sehenswerten Jeans-Hotel „25hours Hotel by Levi‘s“ in der Niddastraße gehören deshalb zum Alltag. Mehrere Einzelhändler protestieren derzeit, indem sie ihre Gewerbesteuer auf ein Treuhänderkonto überweisen, solange sich die Lage vor ihren Schaufenstern nicht ändert. „Hier wird frei Schnauze gedealt, gefixt, Crack geraucht und auf das Heftigste gepöbelt“, schrieb Musikhändler Bernhard Hahn an OB Roth.

Renovierte großbürgerliche Gründerzeitbauten

Hahn betreibt zusammen mit seinen drei Brüdern eines der berühmtesten Geschäfte im Viertel, das Musikhaus B. Hummel OHG, heute „Cream Music“ genannt. Mit Erfolg hat sich das Haus auf Instrumente wie Gitarren spezialisiert und ist zur Anlaufstelle für Rockstars wie für Fans geworden.

Das ist auch dem Bahnhofviertel zu wünschen, besticht es doch abseits aller offensichtlichen Probleme mit seinen nun zum Großteil renovierten großbürgerlichen Gründerzeitbauten und einer kulturellen Vielfalt, wie sie selbst wesentlich größere Metropolen in dieser Dichte nicht zu bieten haben.

Quelle: op-online.de

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