Wanderfalken zieht es auf Wolkenkratzer

Bankenturm wird zum Nist-Felsen

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Seit fünf Jahren brütet ein Wanderfalken-Paar auf dem Commerzbank-Turm in Frankfurt auf 258 Metern Höhe. Unser Foto zeigt die Küken des vergangenen Jahres: Derzeit wird noch gebrütet.

Frankfurt - Ein bisschen Wildnis gibt es auch in hessischen Städten. Greifvögel haben sie längst als Lebensraum entdeckt. So manch gefiederter Jäger hat sich einen besonderen Nistplatz gesichert.

Normalerweise kümmert sich Achim Kolano in Deutschlands höchstem Wolkenkratzer um die Betriebstechnik. Seit fünf Jahren hat der 52-Jährige eine besondere Zusatzaufgabe. Regelmäßig schaut er nach einem Wanderfalken-Paar, das sich in 258 Metern Höhe auf der höchsten Dachplattform des Commerzbank-Turms in Frankfurt niedergelassen hat. Wählerisch sind die Vögel bei ihrem Zuhause nicht. In Nachbarschaft von Entlüftungsanlagen und Antennen pflegt das Greifvogelpaar seinen Nachwuchs - der noch gut geschützt in Eiern heranwächst. Das Gelege liegt im wohl höchsten Vogelnest in Frankfurts Innenstadt.

„Die Falken legen ihre Eier einfach an Stellen auf dem Dach, wo Schotter liegt“, sagt Kolano. Dort seien sie kaum vor der Witterung geschützt. Den Wanderfalken scheinen Wind und Wetter über den Dächern der Stadt aber nichts auszumachen. Seit 2007 hat das Paar nach Angaben des Naturschutzbundes (Nabu) dort 20 Falkenjungen ausgebrütet. Spätestens Anfang Mai sollen in diesem Jahr die Küken schlüpfen. Drei Eier bebrütet das Weibchen seit Mitte März.

Greifvögel sind in Städten für Laien eher selten zu sehen, gehören aber zum festen Vogelbestand. „Wir finden viele Greifvogelarten in hessischen Städten“, sagt die Leiterin der staatlichen Vogelschutzwarte in Frankfurt, Dagmar Stiefel. „Dazu gehören Kleinarten wie der Sperber und der Turmfalke, aber auch größere wie der Habicht oder der Wanderfalke.“

Gezielt in Städte ziehen die Raubvögel nicht. „Der Wanderfalke etwa ist eine Art, die unter anderem an hohen Felswänden brütet, weil er dort größtmöglichen Schutz hat“, erklärt Stiefel. „Man kann natürlich auch ein Hochhaus als Felsen missverstehen.“ Wanderfalken brüten auch auf Kirchtürmen, Schornsteinen und Strommasten. „Die attraktivste Stadt für Wanderfalken ist Frankfurt, aber auch in Offenbach, Wiesbaden, Darmstadt und Kassel leben die Tiere“, sagt der Frankfurter Wanderfalkenexperte und Naturschützer Ingolf Grabow.

Greifvögel werden verfolgt und gejagt

Seit etwa 20 bis 30 Jahren leben Greifvögel in hessischen Städten, schätzt die Leiterin der Vogelschutzwarte. Ein Grund dafür sei vermutlich ihre Verfolgung. Jahrzehntelang wurden Greifvögel laut Stiefel vergiftet oder geschossen, häufig von Hühner- oder Gänsehaltern. „Es gibt nach wie vor illegale Greifvogelverfolgung“, klagt die Expertin.

Doch nicht nur die Bejagung - auch die Land- und Forstwirtschaft hat den Greifvögeln das Leben in der Vergangenheit schwer gemacht. In den 1970er-Jahren so sehr, dass etwa der Wanderfalke in Hessen fast ausgerottet wurde. Nur ein Brutpaar überlebte. Grund war das seit den 1950er-Jahren eingesetzte Insektizid DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan). „Die Greifvögel legten Eier mit so dünnen Schalen, dass sie beim Ausbrüten zerbrachen“, sagt Vogelexpertin Stiefel. Erst nach einem Verbot des Insektizids ging es für viele Greifvogelarten wieder bergauf. So auch für den Wanderfalken, dessen Bestand in Hessen die Vogelschutzwarte 2014 auf 120 bis 140 Brutpaare schätzt.

Die Wanderfalken auf dem Wolkenkratzer haben die Häuserschluchten des Bankenviertels als ihr Jagdrevier ausgemacht. Vor allem auf Tauben haben es die Vögel mit einer Flügelspannweite von gut einem Meter abgesehen. Das wirkt sich auch auf den Bestand auf dem Vorplatz des Commerzbank-Turms aus. „Wenn die Falken da sind, sind auf dem Kaiserplatz weniger Tauben unterwegs“, sagt Gebäudemanager Kolano. Immer wieder findet er Gerippe der Beute auf dem Wolkenkratzer.

Die Mitarbeiter der Bank freuen sich über ihre gefiederten Untermieter - auch wenn sie kaum jemand aus der Nähe beobachten kann. Einzig Kolano kann sich den sensiblen Tieren nähern. An ihn haben sich die Wanderfalken schon gewöhnt.

dpa

Quelle: op-online.de

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