Barmherzige Ritter

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Dieser Ausschnitt aus Matthäus Merians „Vogelschauplan“ aus dem Jahr 1628 zeigt das „Teutschhauß“ mit der Deutschordenskirche im Mittelpunkt.

Frankfurt - Mit Frankfurter Namen wie „Deutschherrnufer“ und „Deutschherrnbrücke“ wissen viele Menschen heute nur noch wenig anzufangen. Von Reinhold Gries

Seit der Auflösung des „Deutschen Ordens“ in allen Staaten des Rheinbunds im Jahr 1809 war die einst durch Kaiser privilegierte Mischung aus Mönchs- und Rittertum, die bis auf die Zeit der Kreuzzüge zurückging, in Vergessenheit geraten. Immerhin sind seit 1945 in Frankfurt, Frankenberg und Darmstadt wieder klosterartige „Kommenden“ entstanden.

Der am Sachsenhäuser Mainufer liegende, vor 300 Jahren barockisierte Konvent ist dabei am auffälligsten; ein später hinzugefügter Zwiebelturm krönt die am 29. September 1309 geweihte Deutschordenskirche. An der Alten Brücke wirken wieder Geistliche des Deutschen Ordens, im großen Baukomplex logieren Frankfurts Kulturamt und das 1990 gegründete Ikonen-Museum.

Mit der „Goldenen Bulle von Tarent“, ausgestellt von Kaier Friedricg II., ging 1221 das Sachsenhäuser Hospital an den Deutschen Orden.

Zum 700-jährigen Jubiläum der Kirchweihe rückt die Ausstellung „Vom Kreuzzug zur Kaiserherberge. 700 Jahre Deutschordenskirche in Frankfurt“ Vergessenes ins Blickfeld. Aus nur selten einmal gezeigten Schriftrollen und Pergamenten mit Siegeln und Goldenen Bullen geht hervor: Die deutsche Geschichte ist mit dem Deutschherrnhaus in Sachsenhausen eng verbunden. Auch der Stadtteil selbst fand seine Ersterwähnung 1193 in diesem Zusammenhang. Hier entstand das erste Frankfurter Hospital. Der ritterliche Deutschorden pflegte dort Kranke, Alte und Bedürftige in einer Zeit, in der Krankheit als Gottesstrafe angesehen wurde. Von hier aus förderte man das Hospital zum Hl. Geist, half Schwestern von St. Katharinen und dem Leprösenspital am Gutleuthof. Vorbild war eine ungarische Königstochter, dann „Heilige Elisabeth von Thüringen“ genannt, deren Marburger Grab vom Deutschorden bis heute gehütet wird.

Elisabeth und Heinrich I.

Ein alter Wandbildzyklus in der Deutschordenskirche zeigt Stationen aus Elisabeths Leben, von früher Mutterschaft und Witwentum im Alter von 20 Jahren über die Entsagung weltlicher Privilegien bis hin zur selbstlosen Aufopferung in ihren Hospitälern. Folgerichtig verläuft auch der „Elisabethpfad“ vom Frankfurter Deutschherrnufer nach Marburg. Weniger bekannt ist die Rolle des Deutschordens bei der Gründung der Landgrafschaft Hessen. Durch geschicktes Taktieren machte man den Enkel Elisabeths zum ersten hessischen „Landgrafen Heinrich I.“

Das leitet zur anderen Seite der Deutschordenshistorie über, die von handfester Politik wie auch dem Willen zur Repräsentation geprägt war. Gern beherbergte der Orden in Sachsenhausen Fürsten, Könige und Kaiser, vor allem, wenn die über die Alte Brücke auf die andere Mainseite zu Kaiserwahl und Krönung Richtung Dom und Römer zogen. In der Freien Reichsstadt Frankfurt hatte der Orden Bürgerrecht und verwaltete Besitzungen wie den Sandhof auf dem Gebiet der heutigen Uniklinik in Niederrad.

Die Ausstellung „Vom Kreuzzug zur Kaiserherberge“ ist bis zum 17. Januar im Ikonen-Museum Frankfurt, Brückenstr. 3-7, zu sehen. Öffnungszeiten: Di-So 10 bis 17 Uhr, Mi 10 bis 20 Uhr

Doch nicht nur regionale Geschichte wurde in der „Kaiserherberge“ geschrieben, wovon etwa eine der ersten urkundlichen Erwähnungen der Bratwurst erzählt. Ein für den Betrachter eher unscheinbar wirkendes Heftchen aus dem Jahr 1324 hatte solche politische Sprengkraft, dass es die Welt des 14. Jahrhunderts durcheinander brachte. Diese „Sachsenhäuser Appellation“ hatte Kaiser Ludwig IV. der Bayer in zwei Fassungen gefertigt – in einer aufmüpfigen und einer papstfreundlicheren.

Denn die Frankfurter Wahl zwischen dem Wittelsbacher und Habsburgs Gegenkandidat Ludwig dem Schönen hatte kein klares Ergebnis gebracht. Beide beanspruchten das Kaiseramt, was der nach Avignon ausgewichene Papst Johannes XXII. zur Stabilisierung eigener Macht nutzte. Es kam zur Schlacht, der unterlegene Papst verhängte über Sieger Ludwig den Bann. Der auf Unabhängigkeit bedachte Bayer setzte die scharf formulierte „Appellation“ dagegen, forderte ein Konzil und beschuldigte den Papst der Ketzerei. Diese Appellation wird als Beginn der Säkularisation angesehen. Seitdem musste der Papst der Wahl eines deutschen Kaisers durch die Kurfürsten nicht mehr zustimmen.

Quelle: op-online.de

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