Ein Bauer hat sich arrangiert

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Bauer Karlheinz Gritsch betreibt als einer der letzten einen Hof in Eschborn

Eschborn ‐ Auf dem Weg zu seinen Feldern fährt Karlheinz Gritsch durch den idyllischen alten Stadtkern von Eschborn. Es geht vorbei an den Häusern etlicher ehemaliger Kollegen, die ihre Betriebe längst aufgegeben haben.  Von Sabine Ränsch (dpa)

Gritsch ist einer von sieben Vollerwerbslandwirten, die bis heute in der 20 000-Einwohner-Stadt arbeiten, er baut Getreide und Rüben auf 60 Hektar an. Vor 100 Jahren habe es noch 50 Bauernhöfe in Eschborn gegeben, sagt der 58-Jährige. Sein Hof lag damals am Ortsrand. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, so heißt es in der Stadtchronik, sei Eschborn ein ganz normales Vordertaunus-Dorf gewesen.

Vom ursprünglich dörflichen Charakter geben einige herausgeputzte bäuerliche Häuser im alten Ortskern einen Eindruck. Sonst ist Eschborn heute eher großstädtisch, Bürohochhäuser rund um das Zentrum dominieren das Bild.

Gritsch stört das nicht. Er hat sich mit seiner Umgebung arrangiert und sogar Vorteile davon. Bis 1990 standen noch Schweine und Rinder in seinen Ställen, dann wurde das Vieh abgeschafft, und inzwischen sind die Gebäude an eine Zahntechnik-Firma vermietet. „Das bringt eine bessere Rendite als das Vieh“, sagt Gritsch nüchtern. „In Eschborn gibt es kein einziges Tier in der Landwirtschaft mehr.“

Beschwerden über Stallgeruch und Lärm

Die würzige Landluft mitten in der Stadt habe in den vergangenen Jahren gelegentlich Probleme bereitet. Vorher, als in der Nachbarschaft ein Großhandel für landwirtschaftliche Produkte ansässig gewesen sei, habe es keine Beschwerden über Stallgeruch, Lärm und Getreidestaub gegeben. Inzwischen habe keiner der neuen Nachbarn mehr etwas mit Landwirtschaft zu tun, und das Verständnis sei gesunken.

Wohnen will Gritsch weiter in der Stadt. Dort, wo der Hof seit 1750 liegt, baute er sich und seiner Familie 1980 ein neues Haus, wo er mit seiner Frau, seinem 87 Jahre alten Vater und seinem Sohn lebt.

Draußen vor der Stadt mit einem grandiosen Blick auf die Skyline von Frankfurt hat Gritsch eine 1000 Quadratmeter große Halle gebaut, wo er Trecker, Pflug und Erntemaschinen parkt und Heu und Getreide lagern kann. Mit den großen Maschinen sei es unmöglich, die alten Wege durch den Ort zu fahren. Allein der Mähdrescher sei drei Meter breit und zehn Meter lang - „das geht gar nicht“, sagt Gritsch. Fährt er auf dem Feld das sechs Meter breite Schneidwerk aus, wird es selbst dort draußen manchmal eng.

Spaziergänger mit Hunden sind ein Problem

Gritsch muss sich die Feldwege mit Joggern, Spaziergängern und Fahrradfahrern teilen. Nicht jeder denke daran, dass er nur Besucher ist und die Feldwege in erster Linie Wirtschaftswege sind, sagt der Landwirtschaftsmeister. „Heute findet dort Naherholung statt.“ Spaziergänger seien zum Vergnügen draußen, Bauern zur Arbeit. Zwar hätten die meisten Verständnis, aber manche seien sorglos und dächten nicht daran, dass so ein großer Mähdrescher nicht ungefährlich sei.

„Ein Riesenproblem sind Spaziergänger mit Hunden“, sagt Gritsch. Kritisch seien die Hinterlassenschaften der Vierbeiner vor allem in Erdbeerfeldern. Viele Hundehalter hätten keine Ahnung, was sie anrichteten. Kein Gramm Gülle oder Mineraldünger dürfe ohne penible Dokumentation auf das Feld, auf Hundehaufen habe der Bauer aber gar keinen Einfluss. Auch in anderen Kulturen könne der Schaden beträchtlich sein, etwa wenn Hunde auf frisch eingesäten Rübenfeldern tobten und die zarten Pflänzchen zertreten. Gritsch hat deswegen auf 1000 Quadratmetern Totalausfall.

Von der Freizeitgestaltung der Großstädter profitiert Gritsch aber auch: Er baut für einen nahegelegenen Reitstall Hafer als Pferdefutter an, liefert Stroh für die Ställe und nimmt den Mist als Dünger zurück. „Ein perfekter Kreislauf“, sagt der Landwirt.

Im einstigen Viehstall arbeitet nun ein Zahntechniker.

Quelle: op-online.de

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