„Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“

Bedächtiger Theatermarathon im Schauspiel Frankfurt

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Arbeiten sich in fast vier Stunden aneinander ab: Corinna Kirchhoff (von links), Wolfgang Michael, Lukas Rüppel und Katharina Bach

Frankfurt - Edward Albees Klassiker „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“, berühmt durch seine Verfilmung mit Elizabeth Taylor und Richard Burton, hatte unter der Regie von Stephan Kimmig jetzt im Frankfurter Schauspiel Premiere. Von Stefan Michalzik

Sie sind inniglich miteinander verbunden, in einer fatalen Weise. Ihre grausamen Spiele der wechselseitigen Zerfleischung basieren auf einem gewissen Einverständnis. Dieses Moment streicht der Regisseur Stephan Kimmig in seiner Inszenierung von Edward Albees Ehehöllendrama „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ am Frankfurter Schauspiel heraus. Immer wieder kommen sich Martha und George, die beiden dem akademischen Milieu zugehörigen Kontrahenten, auf einen Augenblick nahe, es ist eine Zärtlichkeit zu spüren und eine erotische Attraktion. Hernach treiben sie es ungerührt weiter, ihr sardonisches Spiel um eine ins Kriegerische gekehrte Ehe. Die beiden bilden eine Burg gegen die Außenwelt. Und gegen ihre nächtens nach einer Party eingeladenen Gäste, ein junges Paar, er ist Biologe und neu an dem College im provinziellen Ort mit dem Namen Neu-Karthago.

Den Geschichtsprofessor George führt Wolfgang Michael als die Dinge genüsslich auskostende Kraft durch den ganzen Abend. Im ehelichen Gleichgewicht scheinbar unterlegen, ist er in Frankfurt der wahre Strippenzieher. In Haltungen einer präsenten Lässigkeit stellt er den ruhenden und zugleich impulsgebenden Pol der Aufführung dar. Die blasierte Beiläufigkeit, mit der Michael seine Sätze hervorknödelt, sichert seiner Figur eine nahezu ungebrochene resignative Überlegenheit. Bisweilen ist eine masochistische Komponente an der Art abzulesen, in der sich die Martha von Corinna Kirchhoff an ihm abarbeitet. Prätentiös beansprucht sie, als altersflotte Blondine noch etwas herzumachen.

Den grausträhnigen Intellektuellen kanzelt die Tochter des College-Präsidenten als Schlappschwanz ab, weil aus der vorgezeichneten Karriere als Kronprinz nichts geworden ist. Nachgerade puppenstubenartig großbubchen- und mädchenhaft mutet das junge, arg staffagehafte Sparringspaar um Lukas Rüppel und Katharina Bach an. Nahezu ungekürzt wird in der auf die sechziger Jahre zurückgehenden, von Bernd Wilms zurückhaltend sprachlich modernisierten Übersetzung von Pinkas Braun gespielt.

Keine Zukunft, nirgends. Mit schwarzen Brettern sind die wandgroßen, einst weite Ausblicke erschließenden Fenster in der nachkriegsmodern mit dunklem Holz vertäfelten Wohnstatt von Katja Hass vernagelt. Der Befund einer Trost- und Illusionslosigkeit lässt sich auch auf eine Gesellschaft übertragen, der es an einer Utopie, an Hoffnung ermangelt.

Lang werden nach der Pause die beinahe vier Stunden der Aufführung. Das ist, obgleich es immer wieder viel zu lachen gibt, nicht der flinke Boulevard, der sich aus diesem Stück auch schlagen lässt. Keineswegs verweigert Kimmig die Pointen, fast schon bedächtig aber ist die Art, in der er sie setzt. Das Tempo wird im zweiten und dritten Akt noch einmal gedrosselt, am Ende sieht man sich gleichsam selber auf Gedeih und Verderb eingesperrt mit Martha und George. Der finale Applaus ist bei der Premiere ein wenig mau geblieben, über eine freundliche Anerkennung wies er nicht hinaus.

Kimmig macht es sich nicht in einer unbotmäßigen Weise leicht mit diesem 1962 am Broadway uraufgeführten, besonders ob des Films mit Elizabeth Taylor und Richard Burton populären Klassiker des modernen Dramas. Dem Publikum auch nicht. In seiner nüchternen Manier ist das mehr als eine blank gepflegte Feier für die Schauspieler.

Nächste Aufführungen 11., 19., 20. und 23. November. Karten sind unter der Rufnummer 069/21249494 erhältlich.

Quelle: op-online.de

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