Gavalda-Stück im Frankfurter Rémond-Theater

Befreiende Ode an Freundschaft

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Schicksalsgemeinschaft: Ursula Dirichs, Jens Knospe, Katarina Schmidt und Max Claus.

Frankfurt - Auf den ersten Blick gibt es nichts, was den rotzlöffeligen Koch Franck und den zart besaiteten Filou verbindet: Franck, ein Frauenheld, fährt Motorrad, liebt laute Rockmusik und beendet den Tag gern mit einem oder mehreren Bierchen. Von Maren Cornils 

Dass er auch eine andere Seite hat, zeigt sich jeden Montag: Dann besucht Franck seine demente Großmutter, um die er sich als einziges Familienmitglied kümmert. Philibert, wie Filou eigentlich heißt, Spross einer Adelsfamilie, ist zwar studierter Historiker, verkauft als schüchterner Stotterer aber lieber Postkarten im Museumsshop.

Eingerichtet haben sich die beiden Eigenbrötler in der Wohnung von Filous verstorbener Großmutter. Ein Mikrokosmos, der solange funktioniert, bis Camille in die Männeridylle einbricht. Die zierliche Frau, die trotz ihres künstlerischen Talents lieber Putzen geht, wirbelt den Alltag der beiden gehörig durcheinander und sorgt dafür, dass am Ende nichts mehr so ist wie zuvor.

„Zusammen ist man weniger allein“ lautet der etwas sperrige Titel von Anna Gavaldas Erfolgsroman, und der - das zeigt die Premiere im Fritz-Rémond-Theater - lässt sich auch auf die Bühne bringen. Regisseur Thomas Weber-Schallauer hat sich an den von Anna Bechstein fürs Theater bearbeiteten melancholischen Bestseller gewagt - und daraus ein bezauberndes Bühnenstück gemacht, das zeigt: Jeder kann seine Fesseln sprengen.

Jens Knospe spielt Philibert, einen pausbäckigen, unsicheren Intellektuellen, der sich in seinen Büchern vergräbt, um dem Leben zu entgehen und die in der Schule erlittenen Hänseleien sowie seine lieblose Familie zu vergessen. Max Claus ist als Franck das genaue Gegenteil: ein fluchender Prolet, dessen polternde Art darüber hinwegtäuscht, dass sich hinter der Macho-Fassade ein einsamer Mensch verbirgt.

Claus, jüngeren Zuschauern aus der RTL-Soap „Unter uns“ bekannt, spielt diese Zerrissenheit zwischen hartem Kerl und einfühlsamem Einzelgänger meisterlich und lässt Francks sensible Seiten immer nur kurz aufblitzen. Dann etwa, wenn er Camille (Katarina Schmidt), die er zunächst ablehnt, fürsorglich Suppe zubereitet oder sich rührend um seine Großmutter Paulette kümmert. Die wird von Ursula Dirichs verkörpert, die in der Rolle der alten, immer vergesslicher werdenden Dame, zur Höchstform aufläuft und den jungen Leuten einmal mehr deutlich macht: Wer Freunde hat, kann ungeahnte Kräfte mobilisieren.

Was man gemeinsam auszurichten vermag, bekommt denn auch Paulette zu spüren: Sie wird von dem unterschiedlichen Trio aus dem Altersheim geholt und blüht in Filous gemütlicher Wohnküche regelrecht auf. Ebenso wie die magere Camille, wie Philibert, der das Stottern vergisst und Franck, der lernt, Gefühle zuzulassen. Eine spürbare Entwicklung, und das führt Gavalda geradezu meisterlich vor, durchläuft jeder der Vier.

„Zusammen ist man weniger allein“ ist zarte Romanze, Studie einer Befreiung und Ode an die Freundschaft in einem. Dass der Roman auf der Bühne nichts von seinem Charme einbüßt, liegt an fantastischen Schauspielern, die den Reifeprozess ihrer Figuren glaubwürdig verkörpern, und am äußerst wandelbaren Bühnenbild von Bettina Neuhaus. Am Ende dieses Theaterjuwels ist vielleicht nicht jeder glücklich. Aber er ist glücklicher mit sich, und das ist schon eine ganze Menge.

Quelle: op-online.de

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