Gedenken an den Ersten Weltkrieg

Es begann mit Halbonkel Jakob

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Der Hobbyhistoriker Hans Günter Thorwarth auf dem Hauptfriedhof in Frankfurt zwischen Grabsteinen für die Gefallenen des 1. Weltkrieges. Der 61-Jährige will das Gedenken an die Soldaten wach halten.

Frankfurt - Hobby-Historiker Hans Günter Thorwarth aus Dreieich kennt alle Kriegsgräber aus dem Ersten Weltkrieg in Frankfurt und Umgebung. Er hält die Erinnerung an die toten Soldaten der Region wach. Von Ira Schaible 

Der Erste Weltkrieg lässt Hans Günter Thorwarth nicht mehr los. Der 61-Jährige will das Gedenken an die Soldaten wach halten, die getötet worden sind. „Das waren Menschen, die sollte man einfach nicht vergessen“, sagt der Rentner aus Dreieich. „Es ist mein Bestreben, dass diese Namen erhalten bleiben. Ich sehe das als Gedenkkultur. “ So trägt er die Namen toter Soldaten aus Frankfurt und der Region für das online-Portal „Denkmalprojekt.org“ von Ahnenforschern zusammen. Nach Möglichkeit stellt der ehemalige Fotosetzer auch Bilder dazu. Es habe schon eine Anfrage von Nachfahren aus der Ukraine zu einem Soldaten aus Eschborn gegeben, erzählt er stolz.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte brachte Thorwarth dazu, sich so intensiv mit dem Ersten Weltkrieg und den vielen Toten zu beschäftigen. „Vor zehn Jahren wusste ich noch so gut wie nichts über den Ersten Weltkrieg“, sagt der gelernte Schriftsetzer. Als er 2007 in den Vorruhestand ging, begann er nach seinen eigenen Wurzeln zu suchen, und stieß dabei auf seinen Halbonkel Jakob. Dieser war im Alter von nur 19 Jahren im April 1918 als Soldat bei Kämpfen in der französischen Picardie getötet worden.

In den Gefallenenbüchern der Stadt Frankfurt - 20 Bände mit mehr als 14 000 Getöteten und Vermissten aus dem Ersten Weltkrieg - fand der Hobby-Historiker seinen Onkel nicht. Er entdeckte den Namen aber auf einer steinernen Tafel eines 1936/37 von den Nazis an der Frankfurter Wörthspitze errichteten Ehrendenkmals für die Gefallenen.

Polytechnische Stiftung förderte ihn als „Stadtteilhistoriker“

Von dem Monument war da allerdings nicht mehr viel übrig. Es war in den 1960er Jahren vor allem wegen seines schlechten Zustands abgetragen worden. Die Namenstafeln von 600 im Krieg gestorbenen Soldaten wurden auf dem Höchster Friedhof ausgelegt, darunter fand Thorwarth auch den Namen seines Halbonkels.

Mit seinem Interesse für den Ersten Weltkrieg und die Geschichte des Denkmals überzeugte Thorwarth die Polytechnische Stiftung: Sie förderte ihn als einen von inzwischen 95 „Stadtteilhistorikern“. Das Ergebnis ist ein 400 Seiten dickes Buch mit dem Titel „Helden, Gefallene oder Opfer?“ Projektleiterin Katharina Uhsadel erinnert sich: „Thorwarth gehört zu den Stadtteilhistorikern, die einen persönlichen Zugang zu ihrem Thema haben und somit eine besondere Leidenschaft dafür an den Tag legen.“

„Wenn man einmal damit anfängt, sich mit dem Ersten Weltkrieg zu beschäftigen, findet man das alles unheimlich interessant. Es war der erste große Krieg“, sagt Thorwarth. In vielen Familien wäre ohne den Krieg vieles ganz anders gelaufen. „Mich interessiert auch, was der Krieg privat bewirkt hat.“

Sein Halbonkel beispielsweise war der älteste Sohn von Thorwarths Großvater und der Erste, der einen Beruf gelernt hatte - und im Haus seines Vaters ein Elektrogeschäft hätte aufmachen können. Thorwarths Großvater war als Fabrikarbeiter in das industrialisierte und damals noch selbstständige Nied gekommen und hatte das Haus mit Laden 1907 gekauft. Oder der Bauer Franz Wagner. Er stammte ebenfalls aus dem heutigen Frankfurter Stadtteil und schrieb seinem Sohn fast jeden Tag aus dem Krieg, wie der Familienforscher herausfand. Mehrere hundert Feldpostkarten und teils lange Briefe schrieb sich die Familie, die Thorwarth zu entziffern versucht. „Wenn ich an solche Einzelschicksale komme, finde ich das natürlich sehr interessant.“

dpa

Quelle: op-online.de

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