Beim „Kleeblatt“ wurde nicht geplanscht

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Im Jahre 1921 verkauften die Nachkommen von Schwimmbad-Gründer Friedrich Kleeblatt die Badeanstalt an die Familie Mosler. Die hatte schon 1898 ein Bad gegründet. Nun entstand die größte der „schwimmenden“ Flussbadeanstalten bei Frankfurt. Jedes Frühjahr wurde sie über Pontons vor den Mainufern neu aufgebaut und im Herbst wieder abgetragen. Dieses Bild der Badeanstalt Mosler wurde 1937 aufgenommen.

Frankfurt - Ob der Sommer schön war oder schlecht: Es gehörte einfach zum guten Ton, „bei Kleeblatt“ abonniert zu sein. Mit seiner Schwimmanstalt am Main hatte sich Johann Friedrich Kleeblatt schnell in Frankfurt etabliert. VonMichael Eschenauer

Nach nur sechsjährigem Betrieb schrieb er 1815 zufrieden an den Frankfurter Senat: „Über den Nutzen der Schwimmkunst selbst noch etwas anzuführen, wäre überflüßig, da er bereits allgemein anerkannt ist.“ So sah das wohl auch der Architekt Philipp Jakob Hoffmann. Sein Sohn Heinrich erinnert sich: „Ich war seit der Geburt ein schwächliches, zu allerlei Unpäßlichkeiten neigendes Kind (...). Erst mit meinem 9. Lebensjahre änderte sich meine Konstitution, als mein Vater mich in die damals einzige Schwimmschule am Main, zum alten Kleeblatt, sandte (...). Ich kräftigte mich und wurde (…) ein recht widerstandsfähiger Gesell; zweimal nur im Leben ward ich krank (…).“ Aus dem kränklichen Kind war der Arzt Dr. Heinrich Hoffmann geworden, der Verfasser des „Struwwelpeter“, dessen 200. Geburtstag die Stadt Frankfurt in diesem Sommer feiert.

Ein Münchner will Frankfurt das Schwimmen lehren

Vor 200 Jahren, im Juni 1809, eröffnete Friedrich Kleeblatt die damals erste und einzige Schwimmschule in Frankfurt. Zwar hatte es hier seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert bereits einige Flussbadeanstalten, meist in geschlossenen Badeschiffen, gegeben. Aber erst in der „Kleeblatt’schen Schwimm- und Badeanstalt“ auf der Maininsel am später zugeschütteten Kleinen Main, an der Stelle des heutigen „Nizza“, wurde nicht nur geplanscht. Bei Kleeblatt wurde die „Schwimmkunst“ gelehrt und gepflegt – und zwar im Freien. Aus München kommend, hatte der 39-Jährige in Frankfurt seine Schwimmkünste vorgeführt und daraufhin die Genehmigung zur Errichtung einer Schwimmschule erhalten. Dem öffentlichen Wohl diente er künftig, indem er auch Waisenkinder, arme Bürgersöhne und Soldaten, weitgehend unentgeltlich, im Schwimmen unterrichtete.

Badefest mit Feuerwerk

Kleeblatt, der keinen Beruf erlernt und seinen Lebensunterhalt früher etwa als Zureiter von Pferden und Seiltänzer verdient hatte, bewies bald, dass er sich „als Lehrer der Schwimmkunst und als Kunstfeuerwerker hinlänglich zu nähren vermöchte“. Denn ganz brav und bieder war der „Schwimm- und Badevater der freien Reichsstadt“, wie Heinrich Hoffmann den „alten Kleeblatt“ einmal nannte, doch nicht geworden. Seine Leidenschaft gehörte der Pyrotechnik. Kleine Proben seiner Feuerwerkskunst gab er gern bei der Prüfung seiner Schüler. Jeden Herbst, so erzählt Hoffmann, veranstaltete Kleeblatt „ein großes pyrotechnisches Schwimmfest“. Dabei trugen die Waisenknaben „hohe, aus Reifen gefertigte Papstkronen auf dem Kopf“, besetzt „mit allerlei Feuerwerkstücken“, die der Meister zündete: „Die Jungen sprangen im Fluß und ruderten sich lustig jubelnd und feuerspeiend umher“, schildert Hoffmann.

Sogar Bismarck und Kaiser Friedrich III. badeten im Main.

Zum Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig am 18. Oktober 1815 erfüllte sich Kleeblatt den Traum von einem riesigen Feuerwerk, das er mit obrigkeitlicher Genehmigung auf dem späteren Westhafengebiet veranstaltete. „Über 1200 Raqueten allein aus Gewehren“ wurden dabei abgeschossen. Auch durch „Canonenschläge von außerordentlicher Wirkung“ sollte „das Andenken“ an die Schlacht „zurückgerufen“ werden.

Nach Kleeblatts Tod 1833 übernahm seine Witwe Franziska die Leitung der Schwimmanstalt. Schon früher hatte sie im Betrieb mitgearbeitet und war zunächst hauptsächlich zuständig für die „Badewäsche“, die den Besuchern zur Verfügung gestellt werden musste. Schon als ihr Mann dann wegen einer längeren Krankheit ausfiel, führte sie die Schwimmanstalt allein weiter, wobei sie von Heinrich Groh, dem langjährigen „Gehülfen“ ihres Gatten, als Schwimmlehrer und Bademeister unterstützt wurde.

Schwimm-Unterricht mit militärischem Drill

Trotz der weiblichen Leitung des Badebetriebs waren allerdings die Schwimmschüler weiterhin männlich. Unter Franziskas zweitem Sohn und Nachfolger Franz Martin Kleeblatt herrschte ausdrücklich Zucht und Ordnung an der „Anstalt“: „Der Schwimm-Unterricht wird ganz nach militairischer Art geleitet, und sollen die Schüler am Schwimmgurt oder an sogenannter Longe so lange geführt werden, bis sie der Lehrer als tüchtig erklärt“, so heißt es in Paragraph I des „Reglements“ vom Mai 1847. Stolz rühmten sich die Kleeblatts später, dass zu ihren Badegästen auch Bismarck und der spätere Kaiser Friedrich III. bei deren Aufenthalten in Frankfurt zählten.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand Kleeblatts Schwimmanstalt am Mainufer längst nicht mehr konkurrenzlos da, und ihr Besitzer Felix Kleeblatt, ein Enkel des Gründers, musste sich seinen Lebensunterhalt im Winter mit einer Tanzschule verdienen. 1921 verkauften seine Erben die Badeanstalt an die Familie Mosler. Deren 1898 gegründetes Bad konnte sich dadurch zur größten der „schwimmenden“ Flussbadeanstalten entwickeln, die jedes Frühjahr auf Holzplanken über Pontons vor den Ufern des Mains neu errichtet und im Herbst wieder abgetragen wurden.

Zu der Freizeitanlage gehörten unter anderem ein Schwimmbad mit mehreren Becken, eine Rollschuhbahn, einige Faustballplätze sowie ein eigener Bootsverleih, und vom mondänen Café unter Palmen aus konnten die Gäste das ganze sommerliche Treiben am Main beobachten. Mit seinem südländischen Flair war „das Mosler“ in den zwanziger und dreißiger Jahren eine Attraktion für das Großstadtpublikum. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es mit dem Strandleben am Main vorbei. Erst seit einigen Jahren haben sich die Frankfurter den öffentlichen Freizeitraum an den Ufern „ihres“ Flusses zurückerobert. Nur schwimmen kann man (noch) nicht wieder dort.

Quelle: op-online.de

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