Frankfurter Peter Zingler

Bekenntnisse eines Knast-Poeten

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Eine „herzerfrischende Freibeutermentalität“ bescheinigt Verleger Joachim Unseld seinem Autoren Peter Zingler.

Frankfurt - Ein Einbrecher und Ausbrecher wird preisgekrönter Schriftsteller und Drehbuchautor. Keine erfundene Geschichte, sondern das wahre, unwahrscheinliche Leben von Peter Zingler. Von Sandra Trauner 

„Vielleicht ist Hollywood dran!“, ruft Peter Zingler, springt vom Tisch auf und läuft zum Telefon. Nein, ist es nicht. Dass US-Regisseur Quentin Tarantino eines seiner Drehbücher verfilmt, das hat er bisher noch nicht einfädeln können. Aber in Deutschland, „da läuft et janz jut“, sagt Zingler mit rheinischem Tonfall. Er schrieb Folgen für den „Tatort“, „Schimanski“ und „Ein Fall für zwei“. Für ein ZDF-Fernsehspiel erhielt er einen Goldenen Löwen, für einen „Tatort“ den Grimme-Preis. Gerade lief in der ARD „Die Himmelsleiter“, ein Zweiteiler über seine Nachkriegskindheit. In Zinglers Altbauwohnung im Frankfurter Ostend stapeln sich Hunderte Seiten Aufzeichnungen. In der Wohnküche hängen Fotos aus einem Leben, das man gut und gern als „bewegt“ bezeichnen darf. In der Kurzfassung klingt es fast wie erfunden: Ein Einbrecher und Ausbrecher wird Schriftsteller und Drehbuchautor. Statt Haftstrafen sammelt er Literaturpreise. Wie es dazu kam, das erzählt Zingler (71) in seiner Biografie. Der erste Band ist gerade erschienen, der zweite folgt Anfang 2016.

Der kleine Peter - auch wenn er in seiner Autobiografie „Im Tunnel“ Paul heißt - wurde während eines Fliegeralarms gezeugt. Er wurde in Chemnitz geboren und wuchs im Waisenhaus auf. Als Kleinkind holte ihn seine Oma nach Köln. Erst als er zehn Jahre alt war, erfuhr er, dass sie gar nicht seine Mutter war, sondern die Frau, die er bis dahin für seine Schwester gehalten hatte. Das Schmuggeln und Stehlen, mit dem er als Kind zum Überleben der Familie beitrug, wurde später sein „Beruf“. Mit 15 Jahren saß er erstmals im Knast. Sein „erstes Leben“ bestritt Zingler als Berufseinbrecher, Spezialgebiet Juweliere und Pelzgeschäfte. Wenn er nicht gerade im Gefängnis saß, wohnte er im Rheinland, dann in der Eifel, später in Fulda und nun schon lange in Frankfurt. Dazwischen Jamaika, Marokko, Spanien und Sizilien. Er brach eine Metzgerlehre ab, leitete eine Drückerkolonne und war Kneipier. Er zeugte sechs Kinder mit verschiedenen Frauen - heute hat er zwölf Enkel, der dritte Urenkel ist unterwegs.

Buchmesse 2014: Impressionen

„Am 6. Juli 2015 feiere ich meinen 30. Geburtstag“, sagt Zingler. Seine letzte Haftentlassung. „Im Tunnel“ endet, bevor er vom Serieneinbrecher zum Serienautor wird. Wie das passiert ist, erfährt der Leser erst 2016. Angefangen habe er als Liebesbrief-Auftragsschreiber im Knast, erzählt er. Im Gefängnis habe er geschrieben, „was man im Gefängnis eben so schreibt: erotische Literatur“. Die Texte hat er den Mitgefangenen ausgeliehen, gegen Tabak. Weil sie ihm die Jungs aus den Händen rissen, schickte er sie an „Playboy“ und „Penthouse“, mit Erfolg. In der JVA Dieburg begann er, Geschichten aus seinem Leben aufzuschreiben und sie an Verlage zu schicken. Er bekam Vorschüsse, Hafturlaub zur Buchmesse, Ausgang für Dreharbeiten. Sein Erfolgsrezept? „Ich weiß, wovon ich spreche“. Und natürlich trug seine Biografie dazu bei: „Das hat was Exotisches.“ Nach der Haftentlassung beschloss er, Schriftsteller und Journalist zu werden. Für Magazine schrieb er Reisereportagen oder Berichte über das Rotlichtmilieu. „Damals war das ein einträglicher Job“, sagt Zingler. „Ich konnte reisen, die Redaktionen bezahlten alles und ich hab genauso viel erlebt wie vorher, nur legal.“ Nebenbei betrieb er eine Kneipe im Keller des Hauses, in dem er seit 30 Jahren wohnt, dem Geburtsort der Frankfurter „Romanfabrik“. „In den ersten Jahren bin ich schon an Pelzläden vorbeigegangen und hab mir gedacht: Wo ist die Alarmanlage? Das war mehr automatisch.“ Wenn ihm jemand ein Geschäft anbot, sagte er: „Ich bin jetzt Schriftsteller, ich mach nix mehr.“

Sein Verleger Joachim Unseld hat sich beim Lesen verwundert die Augen gerieben. „Kaum fassbar, unglaublich“, findet der Chef der Frankfurter Verlagsanstalt (FVA). „Peter Zingler hat einen einzigartigen Lebensroman vorgelegt. Kein anderer als Zingler selbst kann besser ein Buch über dieses dramatisch-verrückte Leben schreiben. Das macht er mit Spannung, einer guten Portion Selbstironie und einer herzerfrischenden Freibeutermentalität.“ Zinglers Erfahrungen in der „hohen“ Welt der Verleger, Redakteure und Journalisten waren andere als im „Milieu“, sagt der Autor, der ausnahmsweise keinen Hut trägt. Früher war die Batschkapp sein Markenzeichen, heute ist es ein Borsalino. Unter Kriminellen sage man direkt, was man denke, unter Gebildeten „denkt man sich was und sagt nix“. In seinem ersten Leben sei ein Wort ein Wort gewesen, in seinem zweiten warte er noch heute „auf zirka drei Millionen Rückrufe“.

dpa

Quelle: op-online.de

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