„Belastungen an Berufsschulen unzumutbar“

Offenbach ‐ Ärger an Berufsschulen: Die Leiter der 106 hessischen Einrichtungen kamen gestern zu einem Krisentreffen zusammen. Anlass ist das Ringen mit Kultusministerin Dorothea Henzler ums Projekt Selbstverantwortung plus (SV plus).

Die Berufsschul-Direktoren forderten Korrekturen an Plänen zur SV plus-Ausweitung. Nach dem Treffen zeigten sie sich zuversichtlich, dass Streitpunkte gelöst werden könnten. Ullrich Kinz, Landeschef des Berufsschullehrerverbands, erinnerte im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey an die zum Teil dramatische Situation an Berufsschulen:

Lehrermangel, Raumnot - die Berufsschulen stehen unter enormen Druck...

Die Belastung der Lehrer an beruflichen Schulen hat die Zumutbarkeitsgrenze in Teilen längst überschritten. In den letzten Jahren sind permanent neue Aufgaben auf Lehrkräfte zugekommen, z.B. Praktikantenbetreuung in ungeahntem Ausmaß, Prüfungen in allen Schulformen des berufsbildenden Schulwesens, Entwicklung schulinterner Curricula, Qualitätsentwicklung und -evaluation. Der Katalog ließe sich leicht noch weiter fortführen. Hinzu kommt, dass die Arbeitszeit der Lehrkräfte seit dem Jahr 2004 auf 42 Arbeitsstunden pro Woche festgesetzt ist...

So ist auch die Forderung nach Reduzierung um zwei Unterrichtsstunden pro Woche zu verstehen...

Ja, dies würde den Freiraum eröffnen, der dringend erforderlich ist, wenn man sich wirklich intensiv mit der Weiterentwicklung eines solchen Systems beschäftigen will. Dann müssten natürlich auch die an die Schulen herangetragenen Erwartungen mit entsprechenden Ressourcen hinterlegt werden. Z. B. erwartet man von der mittleren Führungsebene, dass sie sich mit umfassenden Managementaufgaben befasst, zugleich ist man aber seitens des Kultusministeriums nicht geneigt, die Unterrichtsverpflichtung der Betroffenen entsprechend zu kürzen. Und schließlich könnte eine Entlastung eintreten, wenn man außerunterrichtliche Aufgaben, die verstärkt auf die Lehrkräfte hinzugekommen sind, durch nicht pädagogisches Personal unterstützen würde, z.B. im Bereich der sozialpädagogischen Betreuung.

Gibt es Rezepte gegen Lehrermangel?

Dass die beruflichen Schulen einen Mehrwert bei der Bildung bieten, z. B. kann man neben seiner Ausbildung relativ unproblematisch den mittleren Bildungsabschluss oder das Fachabitur erwerben, ist leider immer noch nicht in das Bewusstsein der Bevölkerung vorgedrungen. Von daher liegt auch die Entscheidung, Berufsschullehrerin oder Berufsschullehrer zu werden, nicht gerade nahe. Hinzu kommt, dass die beruflichen Schulen auf der Suche nach ihrem Lehrpersonal in Konkurrenz zur freien Wirtschaft treten, die für vergleichbar ausgebildetes Personal gerne bereit ist, deutlich höhere Gehälter zu zahlen. So müsste zuerst einmal ein Bewusstseinswandel in der Gesellschaft stattfinden dahingehend, dass die berufliche Bildung keine Bildung zweiter Klasse ist.

Ist das Modellprojekt Selbstverantwortung Plus ein großer Fortschritt?

Besser wäre es sicherlich, es würden - mehr als fünf Jahre nach Beginn des Modellversuchs - konkrete Ergebnisse vorliegen. Allerdings hat das Ministerium bis jetzt keinen Abschlussbericht vorgelegt. Weiter gekommen sind wir im Bereich der Personalgewinnung und im Bereich der Verantwortung über die finanziellen Mittel, die eine berufliche Schule benötigt. In der Personalgewinnung kann eine Schule sehr zielgerichtet Lehrer anstellen, die sie benötigt - vorausgesetzt, es sind welche auf dem Arbeitsmarkt vorhanden. Weniger erfreulich ist die Entwicklung im Bereich der Ressourcen, die Schulen zur Verfügung stehen. Während die Modellversuchsschulen immerhin Mittel bzw. Stellen im Umfang von zwei Stellen zugewiesen bekamen, ist für die Zukunft unklar, ob diese Mittel nach Ablauf des Modellversuchs weitergewährt werden bzw. ob andere berufliche Schulen, die sich dieser Entwicklung anschließen wollen, solche Mittel auch bekommen. Für die Weiterentwicklung muss ein klarer gesetzlicher Rahmen gesteckt werden.

Quelle: op-online.de

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