Berlin, Berlin - wir fahren nach Berlin

Offenbach - Wenn am Sonntag die Bundesversammlung in Berlin zusammentritt, sind auch Vertreter aus der Region dabei - mit teilweise ganz eigenen Geschichten. Von Ralf Enders

Frank Lortz

Frank Lortz (CDU) etwa, Vizepräsident des Hessischen Landtags aus Froschhausen, hat eine gewisse Übung in der Wahl des Bundespräsidenten. Und - so scheint es zumindest - eine private Dauerfehde mit dem Termin. 1999, 2004 und 2009 nämlich, als die Bundespräsidenten ihre Amtszeiten noch ordnungsgemäß zu Ende brachten, fand die Bundesversammlung traditionell am 23. Mai statt, dem Verfassungstag. Leider auch der Geburtstag von Lortz’ Tochter, und so war der stolze Papa beim Jubelfest immerhin dreimal nicht zugegen und geriet in Erklärungsnot. Die Wulff-Wahl am 30. Juni 2010 passte da schon besser. Nach Wulffs Rücktritt und der Festsetzung des Neuwahltermins aber dürfte der 58-Jährige zu Hause erneut das Genick eingezogen haben: Der 18. März ist sein Hochzeitstag.

„Die Inflation von Wahlen ist schon schlimm“, sagt er denn auch. Immerhin: Lortz glaubt fest daran, dass Gauck im ersten Wahlgang gewählt wird, er sofort die Heimreise antritt und gegen 21 Uhr mit der Gattin feiern darf.

Bei der nächsten - turnusgemäßen (!) - Bundespräsidentenwahl 2017 will er übrigens noch einmal dabei sein, denn er kündigte an, 2014 zum dann zehnten Mal für den Hessischen Landtag zu kandidieren.

Corrado Di Benedetto

Zum ersten Mal dabei ist Corrado Di Benedetto, den die SPD nominiert hat. Logisch, denn der 52-jährige Mühlheimer italienischer Abstammung ist erst seit knapp drei Monaten auch deutscher Staatsbürger. „Das ist die größte Ehre, die mir bislang zuteil wurde“, sagt Di Benedetto, der etwa für seine Tätigkeit als Kreisausländerbeirat vielfach ausgezeichnet wurde. „Ich bin Deutscher geworden, unter anderem, um an Wahlen teilnehmen zu können. Ich hätte nie gedacht, dass es gleich die Bundespräsidentenwahl ist, das ist ein geschichtliches Ereignis“, spart Di Benedetto nicht mit großen Worten.

Und auch die augenzwinkernde Frage nach italienischen Verhältnissen in Deutschland beim Verschleiß von Staatsoberhäuptern beantwortet er staatstragend: „Gott sei Dank ist das politische Leben in Deutschland geprägt von Glaubwürdigkeit und Ernsthaftigkeit, das ist überhaupt kein Vergleich mit Italien. Das war beschämend, was sich das italienische Volk in den vergangenen Jahren angetan hat. (Er meint Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi, d. Red.) Aber mit Mario Monti scheint es nun besser zu werden.“

René Rock

Dass es besser wird mit seiner FDP, davon ist sicher auch René Rock überzeugt. Die Frage, ob er durch den Schachzug von Parteichef Philipp Rösler, Joachim Gauck gegen den Willen von Kanzlerin Angela Merkel durchzusetzen, das Ende der Leidenszeit seiner Partei gekommen sieht, beantwortet der 44-jährige Seligenstädter etwas ausweichend, aber ganz selbstbewusst: „Es wird viel über Herrn Gauck spekuliert, ich fahre nach Berlin und werde mit Herrn Gauck den dritten liberalen Bundespräsidenten nach Theodor Heuss und Walter Scheel wählen, davon bin ich überzeugt.“

Auch aufs Flughafen-Glatteis lässt sich Rock nicht führen: Als energiepolitischer Sprecher fahre er mit dem Zug in die Hauptstadt, begleitet von Ehefrau Iris, eine wichtige Beraterin für Rock, die „selten“ danebenliege.

Tarek Al-Wazir

Zug fahren ist für Tarek Al-Wazir natürlich Ehrensache. Dem Offenbacher Fraktionschef der Grünen im Landtag wird ja mit seinen gerade mal 41 Jahren auch bundespolitische Tauglichkeit nachgesagt. Kann er sich eigentlich vorstellen, dauerhaft dort zu arbeiten? „Ich war die letzten Wochen so oft in Berlin, dass ich manchmal das Gefühl habe, dass ich schon teilweise dort arbeite. Aber es ist dann doch immer wieder schön, nach Hause, also nach Offenbach, zu kommen.“

Das hört man ebenso gern wie Al-Wazirs Nähkästchen-Anekdote zum 18. März: An diesem Tag fand nämlich im Jahr 1990 die erste und letzte freie Volkskammerwahl der DDR statt, und Tarek Al-Wazir war zwar erst 19 und noch Schüler, aber schon Grüner und mittendrin im Berliner Trubel. Die „schockierende“ Enttäuschung ereilte den Offenbacher Buben im „Tempodrom“ („Das muss damals noch ein Zelt gewesen sein.“): Die getrennt angetretenen Bündnis 90 und Ost-Grüne erreichten zusammen weniger als 5 Prozent. Al-Wazir: „Allerdings gab es keine 5-Prozent-Hürde, und so wurde auf der Liste des Bündnis 90 ein gewisser Joachim Gauck Abgeordneter der Volkskammer. Irgendwie schließt sich also 22 Jahre später ein Kreis, wenn dieser Joachim Gauck Bundespräsident wird.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Pixelio.de/Uwe Steinbrich

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