Von Beruf Demonstrant

+
Das „Occupy Frankfurt“-Camp vor der Europäischen Zentralbank machte Schlagzeilen, unter den Bewohnern waren auch einige Vollzeit-Aktivisten.

Frankfurt - Demos besuchen, Kampagnen entwerfen - acht Stunden pro Tag, fünf Tage die Woche. So ist das beim Hauptberuf Aktivist. Doch auch Profi-Protestler müssen ihren Lebensunterhalt verdienen und finden Menschen, die sie für ihr Engagement bezahlen. Von Eva Scherer

Zehn Monate in einer Zeltstadt, zehn Monate Protest gegen Kapitalismus und das Bankensystem. So lange haben Occupy-Aktivisten in den Grünanlagen vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt ausgeharrt, bis ihr Lager im August vergangenen Jahres geräumt wurde. Einige Aktivisten waren nur anfangs dabei, andere kamen ab und zu, manche waren fast täglich da. Demonstrant in Vollzeit – wie finanziert man das? Unter anderem durch Spenden, sagt Thomas „Occupy“, wohl eines der bekanntesten Gesichter der Bewegung. Er selbst ist auch nach der Auflösung des Camps für seine Sache im Einsatz, besucht Vernetzungstreffen, organisiert Proteste und Aktionen. Dass er dabei auch mal in die eigene Tasche greifen muss, macht dem Ruheständler nichts aus.

Andere Vollzeit-Aktivisten können nicht so entspannt sein. Sie müssen sich überlegen, wie sie an das Geld fürs Wohnen, Essen, Leben kommen. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Manche verbinden ihre politische Arbeit mit konkreten Projekten und versuchen, sie finanziert zu bekommen. Eine langfristige Perspektive bietet das allerdings in der Regel nicht. Es gebe außerdem die Möglichkeit, den eigenen Protest innerhalb professioneller Strukturen zu betreiben. Greenpeace etwa beschäftige angestellte „Campaigner“, erklärt Protestforscher Dieter Rucht vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung in Berlin.

Das sind keine Alternativen für Hagen Kopp. Seit über 20 Jahren beschäftigt sich der 53-Jährige mit den Themen Flucht und Migration. In Hanau berät er Flüchtlinge, begleitet sie zur Ausländerbehörde und betreut Projekte entlang der europäischen Außengrenzen. Unabhängig zu sein, selbst entscheiden zu können, wofür die Ressourcen eingesetzt werden, das ist ihm sehr wichtig. Gleichzeitig schätzt er eine längerfristige Perspektive als sie Projekte ermöglichen. Eine Lösung fand er bei der sogenannten Bewegungsstiftung. Seit vier Jahren ist er einer von aktuell acht „Bewegungsarbeitern“. Die Bewegungsarbeit, ein Förderinstrument der Stiftung, richte sich an Vollzeit-Aktivisten, an Menschen, die für ihre soziale Bewegung eine tragende Rolle spielten und deren Rückzug negative Folgen hätte, sagt der Geschäftsführer der Stiftung, Matthias Fiedler.

Hinter der Bewegungsarbeit steckt ein Patenschaftsmodell: Mitarbeiter müssen sich selbst Paten suchen, die bereit sind, monatlich einen Betrag für ihren Einsatz zu zahlen. Ungefähr 10 bis 15 Paten hat jeder Bewegungsarbeiter, die Höhe der einzelnen Beträge liegt zwischen 10 und 150 Euro. Da es sich bei den Geldern um mildtätige Zuwendungen handelt, darf eine bestimmte Obergrenze nicht überschritten werden. Sie liegt derzeit beim fünffachen Hartz-IV-Regelsatz. Den Vollzeit-Aktivisten soll das Geld eine gewisse Sicherheit geben. Reich wird man damit aber nicht: Auf 700 bis 800 Euro kann Hagen Kopp monatlich zurückgreifen. Jutta Sundermann, Mitgründerin von Attac Deutschland und ebenfalls Bewegungsarbeiterin, kommt auf rund 900 Euro. Warum sie trotzdem dabei bleibt? „Ich habe viele Male erlebt, was Menschen miteinander auf die Beine stellen können, was sie erreichen oder verhindern können, wenn sie sich zusammentun. Das ist für mich eine große Motivationsquelle.“

Bleibt die Frage nach den Motiven der Paten. Der „gemietete“ Demonstrant als ultimativer Dienstleister? Bruno Haas weist das deutlich zurück. Früher habe er selbst sehr viel in Organisationen mitgemacht, sagt der Unterstützer von Jutta Sundermann und Hagen Kopp. „Jetzt habe ich zwar immer noch Zeit, aber weniger. Und außerdem habe ich gemerkt, dass es andere gibt, die das besser können.“

(dpa)

Quelle: op-online.de

Kommentare