Besäufnis mit Strindberg

Nachwuchsregisseur inszeniert „Fräulein Julie“ in Frankfurt

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Bier fließt, es wird geschrien und im Dreck getobt: Katharina Bach und Alexej Lochmann verausgaben sich in der Box.

Frankfurt - Der junge Regisseur Daniel Foerster bringt August Strindbergs „Fräulein Julie“ in die Frankfurter Schauspiel-Box - und kehrt dabei das Innere exzessiv nach außen. Von Sebastian Hansen 

Historisch gesehen ist der Expressionismus aus einer antinaturalistischen Haltung heraus entstanden. Der junge Regisseur Daniel Foerster vollzieht nun diese Bewegung nach. Im Zuge des Regiestudios am Frankfurter Schauspiel hat er Strindbergs auf das Jahr 1889 zurückgehendes naturalistisches Trauerspiel „Fräulein Julie“ in der Box inszeniert - und den Naturalismus gemieden. Seine Inszenierung zeigt viel exzessives Gebaren. Mit Schreien und Toben und Suhlen im Dreck. Wer solch eine Ästhetik aus einer konservativen Haltung heraus verabscheut, dürfte seine helle Freude haben. Es sind gewisse Elemente aus dem Stummfilm-Expressionismus zu erkennen, auch erinnern Foersters Zuspitzungen an die drastische Bildsprache des Comicstrips.

Der neutral schwarze Raum von den Ausstattern Lydia Keller und Robert Sievert ist horizontal gedrängt: Unter der Decke zieht sich ein Streifen mit leicht nach vorn geneigter Fläche über die gesamte Breite. Im gebeugten Gang bloß können sie sich bewegen: Die Julie von Katharina Bach ist hergemacht wie ein Girlie von der Love Parade, im goldglitzernden Dress, mit Micky-Maus-Ohren in der Frisur. Alexej Lochmann steckt als feist beleibter Knecht Jean in einer Anglerhose; über die Schranken der Klassen gibt sich die Adlige ihm in einer alkohol- und tanztrunkenen Nacht hin - das Bier schäumt hier aus wuchtigen Halbliterdosen der bekannten schwedischen Marke Faxe. Er beschmutzt sie bildlich und förmlich, bestreut sie mit Erdkrumen. Das alles geschieht unter den Augen der in jeder Hinsicht bieder auf dem Boden stehenden Kristin von Verena Bukal. Sie wird ihren Verlobten später mit einer gewaltigen Bibel als Waffe vor sich hertreiben.

Abhängigkeit, Macht und Unterwerfung

In zugespitzter Weise ist alles auf einen eruptiven Ausdruck angelegt Foerster ist auf eine plastische Hervorstreichung der Verhältnisse von Abhängigkeit, Macht und Unterwerfung in übersteigerten. Affekten bedacht. Stumme Tanzpantomime zu psychedelischen Popsounds, Brüllgefechte und die Überhöhung mittels einer Barockarie reihen sich buntscheckig. Dabei schlingert die anderthalbstündige Inszenierung zwischen substanzbehauptendem Ernst und alberner Überzeichnung. Nicht zu entscheiden, ob das zu ihrem Vor- oder Nachteil ist. Ein ungebrochener Ernst würde die Angelegenheit womöglich erst recht als albern erscheinen lassen.

Gegen die eingesetzten Mittel ist natürlich nichts einzuwenden. Exzess, Schreien und Toben, Suhlen im Dreck - das kann man alles machen. Sofern man eben ein intensives Theater daraus zu schlagen vermag und dem Kern der Geschichte nahe kommt. So rasend Foerster Arbeit sein will, so kühl ist sie. Sie ist grell und blass in einem. Nächste Aufführungen heute sowie am 28. Dezember. Karten unter Tel.: 069/21249494.

Quelle: op-online.de

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