Besseres Angebot für Senioren

Was wird aus der Dreieichbahn? Kommt man bald leichter von Rodgau zum Flughafen? Sinkt der Preis fürs Ticket von Offenbach nach Frankfurt? RMV-Chef Professor Dr. Knut Ringat stellte sich den Fragen unserer Leser.

Im Westen unserer Region befürchten viele aufgrund der bekannt gewordenen Planungen ein schlechteres Angebot bei der Dreieichbahn. Eine Nutzerinitiative erwartet die Ausdünnung des Fahrplans und eine schlechtere Vertaktung mit der S-Bahn….

Die Befürchtungen sind nicht berechtigt. Der Fahrplan, so wie Sie ihn kennen, wird auch in den nächsten Jahren so bestellt werden. Die Verkehrsleistung auf dieser Strecke wird erst zum Fahrplan 2016 neu ausgeschrieben. Bis dahin gilt es zu berücksichtigen, wie sich Angebot und Nachfrage entwickeln. Wir wollen mit der Ausschreibung für eine Steigerung der Nachfrage werben. Deshalb versuchen wir in diesen Angeboten, die im Moment noch nicht so gut genutzt werden, durch verbesserte Fahrplangestaltung, durch bessere Anschlusssicherungen mit anderen Bahn- oder Busverkehren, die Nachfrage möglichst zu erhöhen.

Diskussionsbedarf gibt es offensichtlich auch bei der Seniorenkarte. Unsere Leser stellen die Frage: Welcher Senior, der überwiegend nicht mehr berufstätig ist, kauft sich denn eine Jahreskarte? Das Seniorenticket sollte auch für Einzelkarten gelten…

In den Jahren nach 2020 werden mehr als ein Drittel unserer Bevölkerung im RMV-Gebiet älter sein als 65 Jahre. Deshalb ist es erst einmal wichtig, dass der RMV überhaupt ein Angebot 65plus macht. Sehen Sie es erst einmal als einen Einstieg. Und wenn wir mal deutschlandweit die Szene überblicken, so gibt es die unterschiedlichsten Konzepte – bis hin zu keinem Angebot. Die heutigen Senioren sind ja sehr mobil. Viele haben ein Auto vor der Tür stehen. Deshalb ist es wichtig, dass wir unser Angebot an die mobilen Senioren anpassen. Wir müssen also ein Ticket kreieren, mit dem man möglichst konfliktfrei und ohne viel nachdenken zu müssen, einfach den öffentlichen Nahverkehr nutzen kann. Das sind alles Punkte, die häufig im Tarifgefüge des RMV kritisiert werden.

Mit unserem Seniorenticket machen wir kein über dem Schnitt liegendes, tolles Rabattangebot. Es ist eine normale, gute Offerte, so wie wir sie in anderen Bereichen auch machen. Stichworte sind Schülerticket, CleverCard, Semesterticket, Jobticket oder Veranstaltungsticket. Das Angebot an die Senioren ist erst einmal ein Einstieg. Wir haben von Anfang an gesagt, wir betrachten das zwei Jahre. Dann müssen wir gucken, wie das angenommen wird, ob wir es uns also leisten können und reagieren dann. Wir werden im nächsten Jahr auch ein Monatsticket 65plus anbieten – und das für etwa 50 Euro. Der Nachlass liegt übrigens in den großen Städten wie Offenbach bei etwa 20 Prozent, und wenn die Offenbacher mit dem neuen Angebot 65plus weiter in die Region hineinfahren wollen, können sie bis zu 43 Prozent sparen.

Viele Menschen aus dem Raum Rodgau/Rödermark, die am Flughafen arbeiten, würden sich über eine Direktverbindung der S1 freuen. Gibt es entsprechende Überlegungen?

Diese Überlegungen gibt es nicht. Schauen Sie sich den Berufsverkehr am Regionalbahnhof Flughafen an. Die Züge, die bisher fahren, sind so lang, wie sie lang sein können. Und wir fahren jede Fahrstraße, die wir haben, so häufig es nur geht. Mehr Kapazitäten gibt die Strecke nicht her. Sie wissen sicherlich, dass wir mit unserem Investitionsprogramm Frankfurt/Rhein-Main-Plus die Attraktivität unseres S-Bahn-Systems steigern wollen. Wir reden da von einem Programm bis nach dem Jahr 2020.

Wie erklären Sie sich, dass immer wieder viele Kunden feststellen, dass der RMV zu teuer sei?

Es ist immer eine subjektive Empfindung, ob ich etwas als zu teuer ansehe oder nicht. Und dann treffe ich meine Wahl. 2,5 Millionen Kunden entscheiden sich täglich für den RMV. Das haben wir auf der Habenseite. Der Vergleich von Tarifangeboten ist immer der Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Die Systeme sind einfach zu unterschiedlich, auch wenn wir alle möglichst einfache Angebote bieten wollen.

Das interessiert den Kunden eigentlich nicht, der schaut auf den Endpreis.

Ja, aber die Rahmenbedingungen sind schon zu beachten und die sind schwierig. Wir haben alleine 16 verschiedene Gesetze über den öffentlichen Nahverkehr und 16-mal werden die Verkehre anders abgewickelt. Damit sind auch die Tarifangebote immer sehr regional geprägt. Beim RMV ist es so, dass das Land Hessen die sogenannten Regionalisierungsmittel des Bundes zu 100 Prozent durchreicht. Das ist nicht selbstverständlich. Darüber hinaus werden Mittel aus dem kommunalen Finanzausgleich von 120 Millionen Euro im Jahr den Verbünden zusätzlich zur Verfügung gestellt. Das deckt zu etwa 40 Prozent unsere Aufwendungen. Die restlichen 60 Prozent holen wir über den Verkauf von Tickets vom Kunden. Das ist anderenorts anders. Deshalb lassen sich die Preise nicht so ohne weiteres vergleichen.

Und dann gibt es auch noch unterschiedliche Strukturen. Ein Beispiel: Im RMV fahren wir ein Drittel der Verkehre mit Regionalbahnen. Das gibt es nirgendwo anders in Deutschland. Frankfurt ist eben Pendler-Hauptstadt Nummer eins. Ein Drittel aller Verkehre  fahren mit

S-Bahnen - auch das ist ein Spitzenwert in Deutschland. Von daher ist auch unser Tarif angepasst an die besondere Struktur: Der Rhein-Main-Verkehrsverbund hat sich aufgrund der Gegebenheiten vor 17 Jahren für einen großflächigen Flächenzonentarif entschieden. Andere Verbünde wie beispielsweise München oder Hamburg haben Ringzonen, die für die Kunden leichter begreifbar sind. Der Flächenzonentarif hat den Vorteil, dass das Gros der Kunden in einer möglichst groß gewählten Zone ihren Startpunkt und ihr Ziel haben. Wer in Frankfurt fährt, hat einen Tarif, fertig.

Für die Offenbacher ist diese Regelung aber immer ein Nachteil…

Bei Verbundgründung 1995 – so hat man mir erzählt - wollte der damalige Offenbacher Oberbürgermeister wohl nicht, dass die Offenbacher nach Frankfurt durchfahren. Er wollte mit dem Sonderweg die Kaufkraft für Offenbach sichern. Wir haben zwischen Offenbach und Frankfurt einen besonders krassen Tarifsprung. Der Tarifsprung von 2,70 Euro auf 4,10 Euro – das ist zugegeben heftig. Die Tarifzonen richten sich seit 17 Jahren nach den politischen Grenzen. Das muss ja nicht so bleiben, denn heute sind die Quell-Ziel-Bewegungen andere als damals. Darauf müssen wir reagieren. Heute ist es nicht mehr entscheidend, dass ich mich in einer Zone, einer Gebietskörperschaft, in einer politischen Grenze bewege.

Wenn das erkannt worden ist, wo geht die Reise denn hin?

Wir arbeiten derzeit an fünf Grundkonzepten, die wir schrittweise umsetzen. Dazu gehört die Tarifstrukturreform. Die erste Stufe war das neue Semesterticket. Die zweite Stufe war die Einführung der Clevercard, die ja gerade in Frankfurt gut eingeschlagen ist. Diese Akzeptanz erhoffen wir uns letztlich auch bei der Seniorenkarte, die nun zum kommenden Fahrplanwechsel in einer weiteren Stufe eingeführt wird. Mit dem nächsten Schritt werden wir über sogenannte Stadtpreisstufen in die Tarifierung von Entfernungen gehen und so versuchen, die Probleme der Tarifgrenzen auszuräumen – auch zwischen Offenbach und Frankfurt. Das peilen wir zum Tarifwechsel 2013/2014 an. Und hilfreich wird auch das elektronische Ticket sein, mit dem die Fahrten künftig punktgenau abgerechnet werden können.

Warum fahren die S-Bahnen Wiesbaden-Hanau (und zurück) nicht im 15-Minuten-Takt? Und warum fallen auf dieser Strecke so viele Bahnen aus?

Gerade auf dieser Strecke fallen höchst selten Züge aus. Die Ausfallquote bewegt sich je nach Linie bei gerade einmal 0,2 bis 0,4 Prozent. Was den 15-Minuten-Takt anbetrifft: Den fahren wir mit der S8/9 im Berufsverkehr. Im Tagesverkehr ist der 30-Minuten-Takt ausreichend.

Die Automaten sind nicht nur für Orts-/Tariffremde oft zu kompliziert…

Da sprechen sie ein ständiges Ärgernis an. Leider steht heute in jeder Stadt ein anderer Automat. Meine Vision ist, dass wir zwischen 2015 und 2020 das E-Ticket Deutschland haben. Dann kann jeder einfach überall einsteigen und fahren, die Rechnung kommt nach Hause. Im RMV wird das schon langsam Wirklichkeit, es nennt sich Roadmap zur Einführung des elektronischen Fahrgeldmanagements. Wir müssen dennoch noch einmal eine neue Generation von Fahrausweisautomaten anschaffen. Im Moment erfolgt die Umrüstung auf Touch-Screen-Apparate. Bei den 800 Automaten der Bahn ist das schon abgeschlossen. Die Automaten sind übrigens alle online und der Kunde wird über ein Menü zu dem für ihn richtigen Ticket geführt.

Haben Sie nicht auch den Eindruck, dass Hessen bundesweit in der Verkehrspolitik benachteiligt wird?

Sie sprechen einen heiklen Punkt an. Wir müssen in Berlin ja immer wieder daran erinnern: Zwei Drittel des Güter- und Personenverkehrs führt durch Hessen. Dies wird bei den Investitionen aber nicht berücksichtigt, das ist eine Katastrophe. So kann Hessen bis 2015 lediglich mit 1,4 Prozent der Mittel, die für den Verkehrswegeausbauplan bereit stehen, rechnen. Damit können die Probleme mit den Nadelöhren, die wir für ganz Deutschland haben, also die Nord-Süd-Strecken Fulda-Frankfurt, Darmstadt-Mannheim, nicht gelöst werden.

Niemand kann uns sagen, wann diese dringend benötigten Strecken ausgebaut werden. Es gibt viel zu wenig Geld für den Schienenausbau. Das merken wir jeden Tag im S-Bahn-Netz in Rhein-Main, wir haben - zum Beispiel am Flughafen-Bahnhof - längst die Kapazitätsgrenzen erreicht.

Das Redaktionsgespräch führten Frank Pröse und Peter Schulte-Holtey

Quelle: op-online.de

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