Bestens organisierter Grusel

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Auf der Burg Frankenstein bei Darmstadt ist der Horror zu Halloween ein Spiel mit der Angst.

Darmstadt - Auf der Burg Frankenstein bei Darmstadt ist der Horror zu Halloween ein Spiel mit der Angst. Von Stefan Mangold

In den 70er-Jahren erzählten sich die Darmstädter, verrückte Amis feierten auf dem Frankenstein ein Gruselfest. Die US-Soldaten inspiriere die fixe Idee, die mehr als 800 Jahre alte Burg auf der Gemarkung von Nieder-Beerbach müsse eher mehr als weniger zu tun haben mit Victor Frankenstein. So nennt die englische Schriftstellerin Mary Shelley in ihrem 1818 erschienenen Roman einen ambitionierten jungen Naturwissenschaftler. Aus Leichenteilen näht Frankenstein einen neuen Menschen zusammen. Das Ergebnis wirkt ästhetisch niederschmetternd. Angeekelt macht sich der Schöpfer aus dem Staub und überlässt sein Werk sich selbst. Charakterlich entpuppt sich das vermeintliche Monster als gutmütiger, hilfsbereiter Typ. Seine Hässlichkeit lässt die Menschen jedoch vor ihm fliehen. Was Frankensteins Sohn in Einsamkeit und Depression treibt. Und zu anderem. Man kennt die Geschichte.

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Amerikaner laufen auch in diesen Nächten über das Areal der Burg. Ein paar jedenfalls. Und augenscheinlich sind das keine GIs mehr. Eher Touristen, für die der Besuch an einem Wochenendtag des Halloween-Festes, das noch bis zum 3. November läuft, auf dem Plan ihrer Deutschlandreise steht. Die meisten Amerikaner werden am heutigen 31. Oktober, dem kalendarischen Halloween selbst, kommen. Plus unfassbar viele andere Besucher. Längst hat der Burgpächter das Festival übernommen - und vielleicht auch den Glauben, auf dem Frankenstein hätte sich einst in der Tat Schlimmes ereignet.

Monster auf Burg Frankenstein

Der Grusel ist bestens organisiert, so lässt es sich schon an den ersten beiden Wochenenden beobachten. Ständig pendeln Shuttlebusse von einem Supermarktparkplatz am Fuß des Bergs. Mit dem Auto dürfen nur Mitarbeiter und Darsteller rauf. Die haben an all dem schwer zu schleppen, was einen Menschen zum Monster macht. Der Sicherheitsdienst kontrolliert am Eingang jede Tasche. Auch die Zahl der Besucher, die sich auf einmal auf dem Areal aufhalten dürfen. Bei 2 500 ist Schicht im Schacht, erklärt Ralph Eberhardt, „mehr erlauben die Behörden nicht“. Und mehr wäre auch nicht gut; Gedrängel und Grusel sind Feinde. Bei Eberthardt laufen viele Fäden zusammen. Seit 1995 ist er in verschiedenen Rollen dabei. Erst Werwolf, dann Gefolterter, dann irgendwie kopflos unter der Guillotine blutend. Heute ist er Mitorganisator.

Nie habe es unter den Gästen irgendeinen Stress gegeben, klopft sich der Mann mit der Faust auf die Stirn. „Auch der Eintrittspreis filtert die entsprechende Klientel heraus“, vermutet Eberhardt wohl zurecht. Mehr als 20 Euro sind kein Pappenstiel. Zu viel jedenfalls für Kerbeschläger. Die Friedfertigen kaufen ihr Ticket in der Gewissheit, das es aufregend wird, am Ende aber alles gut ausgeht.

Dazwischen herrscht das Spiel mit der Angst, dem Ekel im Angesicht des Hässlichen. Das eigentlich erst durch eine Prise Realismus wirkt, denn die widerlichen Masken tragen Spuren menschlicher Physiognomie. Sowas gibt’s nicht im Kaufhof; viele Darsteller haben ihr Zweit-Gesicht aus Amerika kommen lassen. Das Idealbild von Schönheit geht von reiner Haut aus, auf der möglichst kein Mitesser sprießt, geschweige denn ein eitriger Pickel und schon gar kein wulstiges, blutiges Geschwür. Die Zähne sollten blendend weiß und lückenlos nebeneinander stehen, nicht an den Seiten heraus hängen. Und da hat man hier schon mal ein Problem...

Die Frauen schreien, als kitzelte sie zu Hause ihr Freund, wenn ihnen ein giftgrünes, faltiges Wesen mit platter Nase nachstellt. Das Lachen soll die Furcht mildern, „so schlimm ist das doch gar nicht, alles nur ein Spaß“. Das schon. Aber das Adrenalin schießt ins Blut, und der Puls geht nach oben. Manche kreischenden Mädchen laufen auf der Flucht vor dem Häscher im Kreis um Fremde herum.

Der Kinobesucher erinnert sich neben dem deformierten Schädel vor allem an den hinkenden Gang von Anthony Quinn als „Glöckner von Notre Dame“. Auch von den Monstern läuft keines normal. Und keines spricht. „Das Schweigen ist eine Waffe“, sagt ein Darsteller und verstummt gleich wieder. Die Monster schnaufen und grollen. Es hat keinen Sinn, die Wesen zu beschwichtigen, zu versuchen, sie durch Logik aus der Rolle zu kippen. Zumal sich eher selten ablesen lässt, wie und ob eine Nachricht überhaupt ankommt. Ähnlich wie bei Kampfhunden und Gangster-Rappern. Weshalb die einen bedrohlich wirken und die anderen dämlich.

So verkleiden sich die Stars zu Halloween

So verkleideten sich die Stars zu Halloween

Männer stehen Auge in Auge mit einem Monster vor einem Identitätsproblem: Man hört den Stolz knacken. Wie reagieren? Kreischen wirkt weibisch. Die Angetraute kampflos einem Scheusal zu überlassen, würde bedeuten, vor dem Feind den Schwanz einzuziehen. Womit ein etwa 18-Jähriger im sogenannten Folterturm keine Probleme hat. Er hat eine gute halbe Stunde angestanden, um sich die Show zu betrachten, in der seine Freundin sofort zum Opfer wird. Die Schergen schnappen sie und binden sie ans Kreuz. Als Peitschenhiebe knallen, feuert der Freund an: „Ja, als druff“. Was ihm zum Verhängnis wird. Binnen Sekunden wechselt er unfreiwillig seinen Stehplatz in der ersten Reihe mit der Liegeposition auf der Streckbank. Das Schlimmste, was seiner Freundin tatsächlich passiert, ist Gekitzel und eine derangierte Frisur. Er selbst aber bekommt zur Strafe Eiswürfel unters Textil gekippt - dorthin, wo Männer am empfindlichsten sind.

Hinter den Monstermasken stecken wohl nicht nur Mannen. Was sich an der Größe erahnen lässt. Frauen aber füllen auch andere Rollen aus. Ihr Schrecken liegt im Irrsinn. Eine trägt weiße Kontaktlinsen; im Arm hält sie eine Säuglingspuppe mit gebrochenem Schädel. Kleid und Haare sind pechschwarz. Auf Stirn und Backe klebt vermeintliches Blut. Rot und Schwarz, eine erotisch wirkende Kombination, die auch im Alptraum zündet. Eine andere Darstellerin mit feinen Zügen mimt ein wirres Burgfräulein, das mit den Lippen so nahe kommt, dass es im normalen Leben unhöflich wäre, den Kuss nicht zu setzen. Hier lässt man das wohl besser. Der Abend endet mit dem Tanz der Monster im Burghof auf der Bühne. Auch zu „Thriller“ von Michael Jackson. Dem Mann, der im echten Leben zum Gespenst mutierte.

Quelle: op-online.de

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