Schamlose Abzocke älterer Menschen

Und ewig zieht der Enkeltrick

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Die Täter sprechen sich selbst von dem schlimmen Unrecht frei: „Wer so dumm ist, ist selber schuld.“

Frankfurt - Wenn Verwandte in Not sind, helfen ältere Menschen gern. Das nutzen skrupellose Betrüger immer wieder aus, um Senioren um hohe Summen zu bringen. Der „Enkeltrick“ hat trotz vieler Aufklärungsmaßnahmen Konjunktur. Von Jasper Rothfels

Der große Betrug beginnt für die 89-Jährige wie für viele andere mit einem Anruf. Eine junge Frau gibt sich am Telefon als ihre Enkelin aus, die wegen eines Hauskaufs dringend Geld brauche. Die alte Bad Hersfelderin hält sie tatsächlich für eine Verwandte, gibt einer Botin der Frau 22.000 Euro - und ist das Geld los. Sie ist auf den „Enkeltrick“ hereingefallen, mit dem Betrüger immer wieder Senioren um ihr Erspartes bringen.

Hunderte solcher Taten und Versuche gibt es Jahr für Jahr in Hessen. Und obwohl die Polizei intensiv warnt, wurde 2012 eine Zunahme verbucht. Warum fallen immer wieder ältere Menschen auf Wildfremde herein, die sich als ihre Verwandten ausgeben? Zum einen gingen die Täter immer professioneller vor, zum anderen seien die Opfer - auch wenn sie schon von der Masche gehört hätten - in der konkreten Situation überfordert, sagt Peter Erdmann vom LKA Rheinland-Pfalz. „Die kommen da gar nicht mehr zu der Überlegung: „Ist es ein Täter?“

Vermutlich werden auch nicht alle Senioren von den Aufklärungsmaßnahmen der Ordnungshüter erreicht. Der Wiesbadener Kriminalpsychologe Rudolf Egg weist auf das hohe Alter der Opfer hin. Sie verfolgten die Medien nicht so aufmerksam wie jüngere Menschen. Oft sind sie 80 und älter, leben zwar noch im eigenen Haushalt, werden aber zweitweise von Angehörigen betreut.

Täter finden Opfer im Telefonbuch

Die Täter finden ihre Opfer, indem sie im Telefonbuch gezielt nach Menschen mit alten Vornamen suchen. Nach Erdmanns Darstellung durchforsten sogar ausländische Call-Center im Bandenauftrag ganze Telefonbücher. Dann griffen die Täter zum Hörer. „Das sind Tausende Anrufe pro Tag, vielleicht hundert, wo man zunächst Erfolg hat, und bei zehn kommt es zur Geldübergabe“, sagt Erdmann, Leiter der LKA-Präventionsstelle. Nach seinen Angaben kommen viele Anrufe aus Polen, die Aufklärungsquote ist niedrig.

Das Opfer wird geschickt in ein Gespräch verwickelt, in dem es um dringenden Geldbedarf geht - etwa wegen Notlagen wie einem Unfall. Mehrere Faktoren führten dann dazu, dass das Opfer dem Täter auf den Leim gehe, sagt die Frankfurter Polizeisprecherin Virginie Wegner. „Der ein oder andere hört nicht mehr so gut“, hinzu komme die Aufregung, dass etwas passiert sei, und der Wunsch zu helfen. Außerdem kämen solche Anrufe nicht jeden Tag, die Menschen seien darauf einfach nicht vorbereitet. Dann wird bereitwillig gezahlt, fünfstellige Summen sind keine Ausnahme. Das Misstrauen stellt sich oft schon kurz danach ein -dann ist es zu spät.

Neben dem materiellen Schaden machen den Opfern die psychischen Folgen der Tat zu schaffen. „Die Leute, die Opfer waren, sind meist furchtbar enttäuscht“, weiß der 67-jährige Dieter Loges, der von der Offenbacher Polizei zum Sicherheitstrainer für Senioren ausgebildet wurde und Vorträge vor älteren Menschen hält. „Das paart sich mit der Scham, so dumm gewesen zu sein.“

Verfolgungsgefahr für den Täter gering

Schlimm und perfide nennt der Sprecher der Opferhilfsorganisation Weisser Ring, Veit Schiemann, diese Variante des Trickbetrugs. Neben der körperlichen Schwäche der Opfer machten die Täter es sich zunutze, dass die Familienbande nicht mehr so stark seien wie früher und Verwandte oft weit voneinander entfernt lebten. Heute erkenne die Großmutter den Enkel nicht mehr unbedingt an der Stimme, „man hat eventuell schon lange Zeit keinen Kontakt mehr zueinander“. Die Älteren fühlten sich der Familie aber verbunden und wollten im Notfall helfen, „das wird ausgenutzt“. Der Wunsch, zu helfen, sei mitunter so stark, dass mancher Angerufene darüber ignoriere, dass er gar keinen Enkel habe.

Den Enkeltrick zeichne zudem aus, dass die Verfolgungsgefahr für den Täter deutlich geringer sei als bei anderen Delikten, sagt Schiemann. „Die Opfer haben Angst, dass sie entmündigt werden, sie versuchen, es zu verheimlichen.“ Und weil sie nicht wieder auf solche Ganoven hereinfallen wollten, kapselten sie sich ab, sagt Schiemann. „Das ist ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt.“

Was also ist zu tun?

Was also ist zu tun? Kriminalpsychologe Egg sieht das Umfeld der älteren Menschen gefordert - „die, die mit den Personen privat, beruflich oder als Nachbarn zu tun haben“. Sie müssten den Senioren unter anderem einschärfen, dass man bei einem Anruf nicht sofort reagiert, sondern zum Beispiel einen Rückruf vereinbart. Das rät auch Schiemann. „Wenn die Geschichte stimmt, hat der Enkel nichts dagegen. Im Gegenteil: Er ist dann stolz auf seine Großmutter.“ Man müsse viel stärker auf die Älteren eingehen und sagen: „Lasst euch nicht einlullen“, empfiehlt Seniorenberater Loges. Auch sollten Opfer keine Angst haben, sich zu melden.

Erdmann setzt auch auf die Zusammenarbeit mit den Banken, denn ein Großteil der Opfer hebt das Geld eigens für die Übergabe ab. Ein Faltblatt der Polizei gibt Bankmitarbeitern Vorbeuge-Tipps. Nach Erfahrung des LKA-Mannes greifen Prävention und Aufklärung. Immer öfter lese man, dass der Trick nicht geklappt habe, sagt er. So wie bei der 77-Jährigen aus Wiesbaden. Als ihr eine Anruferin weismachen will, sie sei ihre Tochter und brauche 40.000 Euro für die Operation eines verletzten Kindes, legte die Seniorin einfach auf.

Hintergrund:

Mit dem sogenannten Enkeltrick bringen Betrüger gutgläubige Senioren in Hessen jährlich um Hunderttausende Euro. 2012 gab es landesweit 472 Fälle, 30 mehr als im Vorjahr. 760.000 Euro wurden auf diese Weise erschwindelt. Wie die Zahlen in diesem Jahr aussehen, ist noch nicht bekannt. Nach Einschätzung der Opferhilfsorganisation Weisser Ring gibt es keine drastische Zunahme, aber eine leichte Steigerung über die Jahrzehnte hinweg. Der Weisse Ring betreut seit Jahrzehnten auch Menschen, die Opfer von Enkeltricks wurden. „Dieser Trick ist schlimm und perfide“, sagt Sprecher Veit Schiemann angesichts der teils hochbetagten Opfer.

Den Vorschlag, dass ältere Menschen sich zu ihrem Schutz nicht mehr ins Telefonbuch aufnehmen lassen, sieht der Wiesbadener Kriminalpsychologe Rudolf Egg skeptisch. „Das müssen sie selber wollen“, sagt er. Nach seiner Erfahrung wollen ältere Menschen von Bekannten oder Verwandten im Telefonbuch gefunden werde, es sei eine Möglichkeit der Kontaktaufnahme. „Man muss aufpassen, dass man denen nicht Rechte abspricht, um Kriminalprävention zu betreiben“, sagt er.

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„Solange das Menschen sind, die die Dinge noch selbstständig regeln, können sie nur beraten werden.“ Zur Frage, ob die Täter kein Mitleid mit ihren Opfern hätten, sagt Egg, sie verfügten über Neutralisierungstechniken, um ihre moralische Schuld kleinzureden. Dazu gehöre etwa die Auffassung, dass die Opfer letztlich selbst schuld seien. „So sieht das jeder Betrüger.“

dpa

Quelle: op-online.de

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