Bevölkerungsentwicklung in Hessen

Süden boomt, Norden schrumpft

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Demographischer Trend könnte den Arbeitnehmern nutzen. Die Grafik in der Großansicht.

Wiesbaden - Die Hessen-Agentur hat eine neue Bevölkerungsprognose für Hessen erstellt. Fazit: Südhessen sieht einem Boom entgegen, im Norden und in den ländlichen Gebieten wird man in Zukunft wohl sehr einsam sein. Von Michael Eschenauer

Die Ergebnisse bilden laut Kabinettsbeschluss künftig die Grundlage der Landesentwicklungsplanung. Auftraggeber der Studie war die hessische Landesregierung. Derzeit leben in Hessen rund sechs Millionen Menschen. Die Prognose rechnet mit einem Anstieg auf 6,114 Millionen bis 2019. Nach diesem Höchstwert sinkt die Einwohnerzahl wegen zurückgehender Geburtenzahlen und steigender Sterbefälle bis 2030 wieder auf das heutige Niveau ab. Bis zum Jahr 2050 errechneten die Forscher einen weiteren Rückgang auf 5,7 Millionen Einwohner.

Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) und der Chef der Staatskanzlei und Demografie-Beauftragte der Landesregierung, Axel Wintermeyer (CDU), wiesen bei der Vorstellung der Studie darauf hin, dass die Zuwanderung von Arbeitssuchenden als einziger Faktor die heftigen Schwankungen abfedern kann. Schwarz-Grün werde nicht nachlassen bei dem Versuch, für den Arbeitsmarkt neue Bevölkerungsgruppen zu gewinnen. Im Fokus hat man besonders die stärkere Erwerbsbeteiligung bei älteren Arbeitnehmern, Frauen und Zuwanderern. Allerdings ist die Entwicklung auf diesem Bereich sehr sprunghaft. So wächst Hessen derzeit durch Zuwanderung jedes Jahr um 30.000 Menschen, so die Politiker. Diese Zahl werde aber mittelfristig eher auf 12.000 sinken.

Weniger Menschen auf dem Land

Der Saldo „Zuzug/Wegzug“ lag im Jahre 1970 allerdings schon einmal bei 80.000 Menschen, dagegen fuhr man 1975 einen Negativ-Saldo von 20.000 ein. Der Rekord liegt Anfang der 90er Jahre mit einem Plus von sage und schreibe 100.000 Menschen. Die Basis für die Prognosen der Hessen-Agentur bildet allerdings der Wert von 12.000. Die Studie geht davon aus, dass ab etwa dem Jahr 2020 die Gewinne aus der Zuwanderung nach Hessen nicht mehr ausreichen, um das Defizit an Geburten auszugleichen. Besonders interessant ist der Trend, dass Großstädte wie Frankfurt, Offenbach, Darmstadt und Wiesbaden von der Bevölkerungszahl her weiter prosperieren, während sich ländliche Regionen zunehmend leeren. Die Entwicklung ist für die nördlichen Teile des Bundeslandes extrem: Hier werden die Bevölkerungszahlen in den kommenden 35 Jahren um 20 Prozent sinken. Dieser Prozentsatz repräsentiert 235.000 Menschen. In Mittelhessen liegt der Bevölkerungsverlust bei 131.000 Personen oder 13 Prozent. Allein die Großstadt Kassel trotzt dem Trend. Hier geht die Hessen-Agentur von einem Wachstum bis 2030 von derzeit 194.000 Menschen auf dann 200.000 aus.

In Südhessen stehen die Vorzeichen auch langfristig auf einem leichten Plus: Die Hessen-Agentur errechnet bis 2050 einen „Gewinn“ von 10.000 Menschen. Bis 2030 steigt hier die Zahl der Bürger sogar vorübergehend um 100.000 an, um dann wieder zu sinken. Die Mainmetropole Frankfurt wird bis 2030 von 701.000 auf 739.000 Einwohner (2050: 750.000) wachsen. Offenbach legt ebenfalls zu: von 119.000 auf 125.000 (2050: 130.000). Wiesbaden erreicht 288.400 (288.100). Heute gibt es 274.000 Wiesbadener. Darmstadt legt von 150.000 auf 159.000 (165.000) zu. Der Kreis Offenbach steigert sich von heute 338.000 auf 346.000 Einwohner im Jahre 2030, geht dann aber auf 333.000 im Jahre 2050 zurück. Im Main-Kinzig-Kreis leben derzeit 405.000 Menschen. 2030 werden es 407.000 sein und 2050 insgesamt 384.000. Der Kreis Darmstadt-Dieburg - heute bei 285.000 - steigt bis 2030 auf 286.000 Einwohner und fällt dann auf 270.000.

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Parallel zu den Bevölkerungszahlen verändert sich die Altersstruktur im Hessenland. Immerhin hier treffen die Bevölkerungsforscher auf deutliches Wachstum: So steigt die Zahl der Menschen, die mehr als 80 Jahre alt sind, von derzeit 320.000 auf 460.000 im Jahre 2030 und auf nahezu 800.000 im Jahre 2050. In der Altersgruppe 60 bis 80 Jahre - derzeit sind dies 21 Prozent der Gesamtbevölkerung - wird es bis 2030 einen Anstieg auf 27 Prozent geben. Der Rückgang der Jüngeren trifft direkt die Wirtschaft. Im vergangenen Jahr ergab eine Untersuchung des Instituts für Wirtschaft, Arbeit und Kultur der Goethe-Universität, dass im Rhein-Main-Gebiet 19 Prozent der Firmen in der jüngsten Vergangenheit freie Arbeitsplätze nicht mehr besetzen konnten. Dies entspricht auf ganz Hessen hochgerechnet 38.000 Jobs. Ein Wert, der nach Einschätzung der Forscher in Zukunft noch steigen dürfte.

Armut trifft immer mehr ältere Menschen

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Der Grund ist einmal mehr die demografische Entwicklung. So waren im Jahre 2013 laut der Studie der Hessen-Agentur von den sechs Millionen Hessen rund 55 Prozent zwischen 20 und 60 Jahre alt. 2050 werden dies nur noch 46 Prozent sein. Unter Umständen profitiert von all dem ein Teil der Arbeitnehmer. Die Studie der Goethe-Universität fand heraus, dass 16 Prozent der Unternehmen bei Arbeitskräftemangel auch mit Zugeständnissen bei Lohn und Arbeitszeit reagieren würden. 2007 waren es 12 Prozent gewesen. Ob und wie stark nur hochqualifizierte Beschäftigte oder auch untere Lohngruppen von diesem Trend profitieren, ist noch unsicher.

Quelle: op-online.de

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