Studenten auf WG-Suche

„Nett zu sein, reicht nicht“

+
Wohnen in der Telefonzelle: Anfang September haben der Deutsche Mieterbund und das Kampagnennetzwerk Campact auf dem Frankfurter Römerberg anschaulich die Mietpreisexplosion in Frankfurt deutlich gemacht. Vor allem Studenten finden in der Stadt kaum mehr eine bezahlbare Bleibe. Viele entscheiden sich zu pendeln.

Frankfurt - Wer in Frankfurt ein Zimmer oder eine Wohnung sucht, sollte starke Nerven haben. Die Universitätsstadt braucht bei steigenden Studierendenzahlen dringend mehr bezahlbaren Wohnraum. Von Lara Sturm

Selbst Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) spricht von einer „Wohnungsnot“ in der Mainmetropole. Er fühle sich bei diesem Problem von der Landesregierung im Stich gelassen, sagte Feldmann der Deutschen Presseagentur. Gerade die hessischen Universitätsstädte bräuchten bei weiter steigenden Studierendenzahlen dringend mehr bezahlbaren Wohnraum. Längst ist die Wohngemeinschaft (WG) eine der häufigsten „Lebensformen“ von Studenten. Doch ein Zimmer zu finden, ist in Frankfurt gar nicht so einfach. Um die kaum überschaubare Anzahl an Bewerbern bewältigen zu können, greifen einige WGs zu bizarren Auswahlverfahren. Das Internet ist voll von Schauermärchen über Putz- und Kochwettbewerbe bei Zimmerbesichtigungen. Meistens läuft so ein Auswahlverfahren allerdings doch gesitteter ab.

WG-Casting im Frankfurter Bahnhofsviertel: Unten im Haus ist eine Methadonausgabestelle, im ersten Stock liegt die Fünfer-WG. Zwei Zimmer sind zu haben. Auf der Treppe sitzen Männer, die sich die vernarbten Armbeugen kratzen und sich gegenseitig ihr Leid klagen. Als er die kritischen Blicke der zwei jungen Zimmersuchenden sieht, erklärt Bewohner Max schnell: „Also hier gab’s noch nie Probleme mit den Junkies. Und dafür ist die Miete ja auch recht günstig.“ 350 Euro für 16 Quadratmeter sind ok, findet Corinna, eine der Bewerberinnen. „Ich war vorhin in Bockenheim bei einer Besichtigung. Die wollten 520 Euro für ein Zimmer haben. Ich kann aber nur maximal 400 Euro zahlen“, berichtet die künftige Lehramtsstudentin. Der Wohnungsmarkt in Frankfurt sei „eine Katastrophe“, klagt die 18-Jährige. Das findet auch Rolf Janßen, Geschäftsführer des Mieterbundes Frankfurt: „In Frankfurt ist für Geringverdiener nur noch ein Prozent aller angebotenenen Wohnungen erschwinglich.“ Bei neuen Mietverträgen würden oft 40 Prozent und mehr Aufschlag verlangt. Diese Mietpreis-Explosion sei gerade für Studenten eine immense Belastung.

„Heidi Klum oder Dieter Bohlen spielen“

„Man muss eben Abstriche machen“, sagt auch Patricia, die zweite Bewerberin. Und man muss erst einmal eine WG finden, zu der man passt. „Nett und zuverlässig reicht nicht. Wir sind ja keine Zweck-WG. Wir wollen jemand finden, der wirklich zu uns passt. Mit dem man gut Party machen kann und so“, erklärt John den doch etwas verdutzt dreinblickenden Bewerberinnen. Der Ethnologiestudent hat klare Vorstellungen vom Zusammenleben: „So eine WG-Mutti, die einen Putzplan aufstellt, brauchen wir nicht. Bei uns geht es eher lässiger zu.“ Zunächst zeigt der 22-Jährige den Zimmersuchenden die Wohnung. Die dunklen Holzböden kommen gut an, das dreckige Bad eher weniger. Aber keines der Mädchen äußert seine Bedenken. Hauptsache ein Zimmer finden, der Rest wird schon werden.

Nach dem kurzen Rundgang wird am Küchentisch Platz genommen. Die WG-Jury - bestehend aus Max, John und Alina - trinkt Kaffee aus Werbetassen. Die Zimmersuchenden bekommen kein Getränk angeboten. Stattdessen zückt Alina einen mehrseitigen Fragenkatalog und legt los. Max macht Notizen: „Sonst verlieren wir bei der Menge an Bewerbern den Überblick.“ Stress pur für die WG-Bewohner? John grinst: „Wir wollen doch alle mal Heidi Klum oder Dieter Bohlen spielen. Anstatt ‚Ich habe leider kein Foto für dich’ - heißt es dann eben bei uns für viele ‚Du bekommst das Zimmer leider nicht’.“ Bald sind die Fragen, die das Studium und das WG-Leben betreffen, abgearbeitet. Nun geht es um die persönlichen Vorlieben. „Was hört ihr so für Musik?“, will Alina wissen. „Ich höre recht viel. Pop, R&B - so Chartmusik halt“, sagt Corinna. Die Jury tauscht vielsagende Blicke aus. „So etwas, was im Radio läuft?“, fragt John abschätzig. Corinna nickt kleinlaut. Ist sie deswegen etwa schon raus? Immerhin: Patricias Vorliebe für Indie-Rock scheint besser anzukommen. Nach einer halben Stunde ist das Frage-und-Antwort-Spiel überstanden. Nun müssen sich die Mädchen noch in eine Liste eintragen. Ganz oben hinterlassen sie ihre Namen und Handynummern.

Studenten in Hessen protestieren (2010)

Demo für freie Bildung

„Heißt das wir sind die Ersten, die die WG angucken?“, fragt Corinna. Alina lächelt milde. „Auf dieser Liste tragen sich die Interessenten von heute ein. Gestern waren aber auch schon Bewerber da, und morgen kommt der nächste Schwung.“ Die Studentin der Kunstgeschichte sieht leicht gestresst aus: „Das ist gar nicht so leicht, unter Hunderten von Bewerbern den Richtigen zu finden. Schließlich müssen wir uns alle einig sein, dass der Bewerber passt. Aber immerhin habt ihr nicht eure Eltern mitgebracht, ihr glaubt gar nicht, was wir hier so alles zu sehen bekommen.“ Corinna und Patricia gucken das WG-Mitglied nur mit großen Augen an. Mitleid kann sie von den zimmersuchenden Studenteninnen nicht erwarten.

Gerade für die Studienanfänger, die kein eigenes Einkommen haben, sind die hohen Mieten oft unerschwinglich. Daher entscheiden sich viele dazu, das elterliche Nest noch nicht zu verlassen und vorerst zu pendeln. Nora (21) und Janine (20) sind solche „Pendlerinnen wider Willen“. Noch leben die beiden im familiären Heim in Bensheim. Die Erziehungswissenschaftsstudentinnen pendeln mit dem Zug und der U-Bahn oder S-Bahn nach Frankfurt. Pro Strecke brauchen sie eine gute Stunde. „Derzeit wohne ich bei meinen Eltern. Wenn es nach mir gehen würde, wäre ich längst ausgezogen. Es ist aber nicht so leicht, eine zentrale und vor allem bezahlbare Wohnung in Frankfurt zu finden“, berichtet Nora. Wenn bei ihren Kommilitonen der Wecker klingelt, dann sind die zwei meist schon unterwegs. Wenn ihre Freunde abends noch Partys feiern, versuchen sie den letzten Bus zu erwischen. „Pendeln hat viele Nachteile“, klagt Janine, „besonders blöd’ finde ich, dass ich oft große Lücken zwischen den Uni-Veranstaltungen habe. Nach Hause zu fahren, wie es viele meiner Kommilitonen machen, lohnt sich für mich nicht. Aber die schlimmsten Tage sind die im Winter, an denen ich im Dunkeln aus dem Haus gehe und im Dunkeln zurückkomme.“ Das Pendeln sollte aber bald ein Ende haben. Spätestens im nächsten Semester wollen sich die beiden eine Wohnung suchen und ihre eigene WG gründen.

Quelle: op-online.de

Kommentare