Bye-bye nach 46 Jahren

Friedberg/Bishops’  Stortford (mic) - Die Distanz Großbritanniens zur Europäischen Union, die dazu geführt hat, dass der Inselstaat jüngst seine Zustimmung zu einer engeren Kooperation der Mitglieder im Kampf gegen die Euro-Krise verweigerte, zeitigt auch Verwerfungen in der deutschen Kommunalpolitik.

Wie die „Welt“ gestern berichtete, hat das von den Konservativen regierte Bishop’s Stortford, eine 35.000 Einwohner zählende Stadt nordöstlich von London, seine Städtepartnerschaften mit Friedberg in Hessen und dem französischen Villiers-sur-Marne aufgekündigt. Man halte die Partnerschaft für „nicht mehr relevant“, heißt es in dem Begründungsschreiben der europa-skeptischen Tories, die die Mehrheit im Rat von Bishop’s Stortford stellen. .

Die Städtepartnerschaft bestand 46 Jahre lang. Auch Doncaster und Wallingford - sie liegen bei Manchester beziehungsweise westlich von London - haben ihre Städtepartnerschaften mit Kontinentaleuropa beendet. Insgesamt pflegen Englands Städte 2000 Partnerschaften. Viele davon gehen zurück auf die unmittelbare Nachkriegszeit und sollten künftigen Konflikten dadurch vorbeugen, dass man intensivere menschliche Kontakte aufbaute.

Nicht stark genug, um diese Krise zu verkraften

In der derzeitigen Situation, die von krisenhaften Entwicklungen in Europa geprägt ist, wertet Friedbergs Bürgermeister Michael Keller (SPD) die Entscheidung als „eindeutig parteipolitisch motiviert“. Es sei schade, so Keller in der „Welt“, dass die kommunale Partnerschaft nicht stark genug sei, um diese Krise zu verkraften.

Dass die britische Entfremdung von Rest-Europa kein Kind nur der vergangenen Wochen ist, zeigt die Tatsache, dass die Entscheidung der englischen Kommune bereits im September gefallen ist. Davon erfahren haben die deutschen und französischen Partner allerdings erst vor einigen Tagen. Keller berichtet, dass die britische Seite generell gegenüber der Partnerschaft zurückhaltender gewesen sei. Allerdings zeigte er sich enttäuscht darüber, dass der Rat von Bishop’s Stortford die Beziehung zu seiner Stadt ohne vorherige Konsultationen und in großer Eile aufgekündigt habe. Man habe keine Chance gehabt, in Gesprächen die Sache doch noch zu retten. Aber offensichtlich sei das Interesse einfach nicht mehr dagewesen. „Das ist ein Schritt in zurück in die englische Isolation“, so Keller.

Verhältnis mit Italien auch abgekühlt

Der Vorsitzende des Partnerschaftsvereins in Stortford, David Smith, kritisierte seine Stadtregierung für die Entscheidung. Ohne Begründung, ohne Beratung mit den Partnerstädten und ohne Transparenz sei die Partnerschaft „auf schreckliche Art und Weise“ beendet worden. Smith hofft, den Rat seiner Stadt noch umstimmen zu können.

John Wyllie, der Chef der Konservativen, macht ihm da wenig Hoffnung. Er sagte der „Welt“, der Kündigungs-Brief sei höflich gewesen, das Ganze ein „Sturm in der Teetasse“ und die Partnerschaft mit den Städten in Frankreich und Deutschland einfach nicht mehr wichtig. Allerdings blieben die Wirtschaftsbeziehungen zu Europa sehr wohl wichtig, so Wyllie.

Bürgermeister Keller, der nicht an eine Meinungsänderung jenseits des Ärmelkanals glaubt, berichtete, die Offenheit Europas werde unter jüngeren Menschen zunehmend als Normalität empfunden. Dies führe auch im 28.000 Einwohner zählenden Friedberg dazu, dass die Zahl der Aktiven im Partnerschaftsverein immer mehr zurückgehe. Auch würden die Mitglieder immer älter.

Ebenfalls nicht besonders gut läuft Friedbergs Beziehung zu vier Bergdörfern am Comer See in Italien. Auch hier sei das Verhältnis abgekühlt. Schuld sei unter anderem das Auftreten von Kanzlerin Angela Merkel gegenüber Silvio Berlusconi. Er sei bei seinem jüngsten Besuch „sehr reserviert“ empfangen worden, so Bürgermeister Keller.

Quelle: op-online.de

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