Blick auf ein Jahrhundertprojekt

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Richard Meiers puristischer Erweiterungsbau des Museums für Angewandte Kunst war stilbildend für die Architektur in Frankfurt in den vergangenen zwei Jahrzehnten.

Frankfurt ‐ Wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen, brummelte einst Altkanzler Helmut Schmidt (SPD). Seinen Parteifreund Hilmar Hoffmann ficht dieses Verdikt freilich nicht an. „Man darf auch als pensionierter Kulturpolitiker noch Visionen haben“, sagte der frühere Kulturdezernent der Stadt Frankfurt gestern bei einer Buchpräsentation im Museum für Moderne Kunst. Von Christian Riethmüller

Das Buch, das da vorgestellte wurde, ist nicht irgendeines von vielen aus Hoffmanns Feder, sondern die Krönung eines „Jahrhundertprojekts“ (FAZ), das ohne eine ganz gewaltige Vision schlicht undenkbar gewesen wäre: Das Frankfurter Museumsufer. So ist auch der Titel des gewichtigen Bandes, der zum Preis von 19,90 Euro im Societäts-Verlag erscheint und auf 448 Seiten nicht nur Hoffmanns Erinnerungen an die Gründungszeit dieses in Deutschland einmaligen Museumsprojekts versammelt, sondern auch die Brücke zum Heute schlägt.

In einem umfangreichen Kapitel mit dem Titel „Frankfurter Museen stellen sich vor“ kommen die derzeit verantwortlichen Museumsdirektoren selbst zu Wort. Jeder Beitrag wird durch eine Auflistung wichtiger Daten, etwa zu Öffnungszeiten, Eintrittspreisen oder Sammlungsbeständen ergänzt, weshalb sich der Band auch als aktueller Führer zum Kulturleben in der Frankfurter Innenstadt eignet.

Main und seine Ufer als Lebensader

Dieses Kulturleben und wahrscheinlich die gesamte Entwicklung des Frankfurter Zentrums ist von keiner anderen stadtplanerischen Entscheidung derart geprägt worden, wie durch das vor 30 Jahren erdachte und seit 1984 in die Tat umgesetzte Museumsufer. Frankfurt entdeckte allmählich wieder den Main und seine Ufer als Lebensader, die Wohnlagen am Fluss waren plötzlich chic, auch die Architektur in der Stadt veränderte sich. Seitdem es das Museumsufer in Frankfurt gebe, werde in der Stadt anders gebaut, klopfen sich nicht etwa Stadtpolitiker selbst auf die Schulter, sondern lobt der Bund Deutscher Architekten (BDA).

Hilmar Hoffmann präsentiert gemeinsam mit der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth sein neues Buch.

Der mittlerweile 84-jährige Hilmar Hoffmann wäre aber nicht er selbst, wenn er nurmehr in seinem Haus in Oberrad säße und den Lobeshymnen auf sein Lebenswerk lauschte. Noch immer erlaubt er sich kühne Visionen, etwa jene von einer Untertunnelung des gesamten Museumsufers. Aber auch mit realistischeren Forderungen meldet er sich zu Wort.
Während sein Vorstoß für ein Industriemuseum noch keine rechte Resonanz erfahren hat, findet seine Forderung nach einer Ausstellungshalle sogar in Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) eine Befürworterin. Die wusste gestern vom Interesse verschiedener Privatsammler zu berichten, in einer solchen Halle ihre Schätze ausstellen zu wollen.

Stadt müsste Grundbucheintrag ändern

Während eine solche Ausstellungshalle aber noch Zukunftsmusik ist, sorgt ein anderer Museumsplan für Dissonanzen. Wie die FAZ berichtete, soll die Stiftung Giersch, die das auf regionale Kunst spezialisierte Museum Giersch trägt, den Plan verfolgen, vom Museumsufer in die Innenstadt an einen Standort an der Neuen Mainzer Straße zu ziehen. Um den Umzug zu finanzieren, müsste aber der bisherige Standort, die alte Holzmann-Villa am Schaumainkai 83, vermietet werden dürfen, etwa als repräsentativer Firmensitz. Dazu müsste freilich die Stadt einen Grundbucheintrag aufheben, der die Nutzung des prächtigen Baus für kulturelle Zwecke vorschreibt. Petra Roth wollte sich zu diesen Plänen nicht weiter äußern („Ich kann dazu nichts sagen, weil es nur in der Zeitung steht“), Hoffmann hingegen schon. „Ich werde mit aller Macht dagegen aufstehen“, gab sich der Visionär als Kämpfer.

Quelle: op-online.de

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