Die Legende bebt!

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Da legst di nieder: An diesem Samstag kommt es zur zweiten Neuauflage des Dieburger Dreiecksrennens, eine spektakuläre Motorsportveranstaltung, die von 1948 bis 1955 auf einem Stadtkurs in der damaligen Kreisstadt ausgetragen wurde.

Dieburg -  Ein unverkennbarer Geruch von Rhizinus, Äther und Benzol hing über der Stadt, deren Bewohner im Rennfieber waren. 1948 bis 1955 wurden national und sogar international beachtete Motorradrennen ausgetragen  Alles Geschichte? Nein. Von Ralf Enders

Nach 2005 veranstaltet der Dieburger Automobil- und Motorradclub im ADAC an diesem Samstag, 22. August, das zweite Revival des Dieburger Dreiecksrennens. Motto: „Die Legende bebt erneut!“ 

Manchmal hilft einem der Zufall auf die Sprünge: Auf der Rückfahrt einer Geschäftsreise in den Odenwald war Gustav Petermann 1948 auf der B 26 bei Dieburg unterwegs. Die lange Waldgerade erweckte sein Interesse, denn der Vorsitzende des neugegründeten Darmstädter Motorsportclubs war auf der Suche nach einer Rennstrecke für ein Motorradrennen. Doch Darmstadt war im Krieg fast komplett zerstört worden, ein Kurs unmöglich zu finden. Petermann fuhr also die Bundesstraße bei Dieburg rauf und runter, bog dann in die Aschaffenburger Straße ein, von dort auf die Groß-Umstädter Straße und wieder auf die B 26.

Der Streckenplan von 1948 bis 1951. Später wurde der Kurs rautenförmig, doch der Name blieb: das Dieburger Dreieck.

 „Nach drei Umrundungen stand für ihn und seinen Freund Alfons Keller fest: Dies ist es, was wir suchen!“, schreibt Uwe Schott in seinen „Erinnerungen an das Dieburger Dreiecksrennen“. Und so war die ehemalige Kreisstadt um eine Attraktion reicher: „Das Dieburger Dreieck“ wie Petermann in seinem Buch „Das Dieburger Dreiecksrennen, ein Kabinettstück des deutschen Motorsports“ fast ehrfurchtsvoll schreibt. Von 1948 bis 1955 wurden auf dem Kurs national und sogar international beachtete Motorradrennen ausgetragen. „Ein unverkennbarer Geruch von Rhizinus, Äther und Benzol hing über der Stadt, deren Bewohner im Rennfieber waren“, erinnert sich Schott.

Der amerikanische Brigadegeneral T.L. Futch überreicht den Siegerkranz, links Rennleiter Gustav Petermann

Alles Geschichte? Nein. Nach 2005 veranstaltet der Dieburger Automobil- und Motorradclub im ADAC an diesem Samstag, 22. August, das zweite Revival des Dreiecksrennens. Motto: „Die Legende bebt erneut!“ Und eine lebende Legende ist auch noch dabei: Der ehemalige Rennleiter Petermann, heute 92 Jahre alt, wird als Beifahrer im „Pace Car“ die Rennmaschinen anführen. Das Pace Car soll die Geschwindigkeit der etwa 100 Teilnehmer mit ihren historischen Maschinen bei den vier Schauläufen auf 50 bis 100 Stundenkilometer beschränken. „Eine dem Charakter der Veranstaltung angepasste Geschwindigkeit“, wie Mitorganisator Winni Ostheimer erklärt.

Gespanne beim Einlenken in die „Gefängniskurve

Vor gut 60 Jahren hätten die Fahrer mit 100 km/h keinen Blumentopf gewonnen. Mit bis zu 130 Sachen waren die waghalsigen Werks- und Privatfahrer auf dem Stadtkurs unterwegs. Ein Riesenspektakel freilich in der harten Nachkriegszeit. Noch heute bekommen die älteren Dieburger glänzende Augen, wenn sie vom Dreiecksrennen erzählen. Wie Fritz Gullery, der 1949 mit einer Zündapp 750 das Rennen gewonnen hat. Der heute 82-jährige Dieburger hat Benzin im Blut - frührer als verwegener Rennsportler, heute als passionierter Fahrer und „Schrauber“. Seine Moto Guzzi 500 mit Beiwagen steht - knallrot und blitzblank poliert - im Hof und wartet auf ihren Einsatz am Samstag in der Klasse bis 1976. Eine junge Dame als Beifahrerin hat der Charmeur auch schon gefunden.

Fritz Gullery, „Schorsch“ Meier, Wilhelm Herz, Heiner Fleischmann, Hermann Böhm, Wiggerl Kraus oder H.P. Müller - die Namen der Rennfahrer kannten die bis zu 70.000 Zuschauer Anfang der 50er Jahre auswendig. Nach 1955 jedoch war Schluss mit dem Spektakel.

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Das Dieburger Dreiecksrennen-Programm“

Der damalige Hessische Innenminister Heinrich Schneider teilte mit, dass er es nicht mehr verantworten könne, die Hauptverkehrsadern B 26 und B 45 angesichts des zunehmenden Straßenverkehrs zu sperren. Gustav Petermann in seinem Buch: „Unsere Enttäuschung war groß. Und mehr als einmal versuchten wir, die Vergangenheit zu beschwören mit der Frage: ‘Weißt du noch?‘“ Am Samstag muss niemand die Vergangenheit beschwören. Knatternde Motorräder, Benzingeruch und tollkühne Fahrer gibt‘s live und in Farbe.

Quelle: op-online.de

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