Blindgänger immer gefährlicher

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Der Leiter des hessischen Kampfmittelräumdienstes, Gerhard Gossens, vor Weltkriegsgranaten.

Darmstadt - Der Chef der hessischen Bombenentschärfer strahlt Gelassenheit aus. „Gefahrengeneigte Arbeit“ gebe es schließlich auch bei Polizei und Feuerwehr, sagt Gerhard Gossens.

Aber: „Die Kampfmittel werden gefährlicher“, stellt der 58 Jahre alte Leiter des Kampfmittelräumdienstes fest. Der Zahn der Zeit nagt an Blindgängern. „Der Sprengstoff bleibt chemisch stabil. Die mechanischen Teile rosten.“

Die Bombenentschärfer - angesiedelt beim Regierungspräsidium Darmstadt - haben nach wie vor viel zu tun, auch wenn das Ende des Zweiten Weltkrieges bald 70 Jahre zurückliegt. Alljährlich werden zwischen 100 und 130 Tonnen Kampfmittel aus dem Boden geholt. Pro Tag gibt es mindestens einen Alarm, einen sogenannten Zufallsfund. „Jeder Einsatz ist etwas Besonderes. Es darf keine Routine aufkommen“, meint Gossens. „Wir betrachten jeden Einsatz neu.“

Rückgang also Fehlanzeige. Das ist auch in der hessischen Nachbarschaft nicht anders. „Es wird ganz und gar nicht weniger“, sagt Dietmar Schmid (66), Bombenentschärfer beim Land Rheinland-Pfalz. Dort habe es das Team im vergangenen Jahr mit 42 Tonnen gefährlicher Altlasten zu tun gehabt. In Koblenz musste vor kurzem für eine Entschärfung die bundesweit größte Evakuierungsaktion seit dem Zweiten Weltkrieg organisiert werden. Im Rhein waren eine 1,8 Tonnen schwere britische Luftmine und eine kleinere US-Bombe gefunden worden.

Rost macht nicht nur die Bomben gefährlicher

Links ist der Querschnitt einer Granate, rechts die ungeöffnete Granate zu sehen. Fotos: dpa

Rost macht nicht nur die Bomben gefährlicher. „Es betrifft alle anderen Kampfmittel. Handgranaten, Gewehrgranaten. Brandbomben, die durchrosten, fangen von alleine an zu brennen“, sagt Gossens. Die lebensgefährlichen Hinterlassenschaften der Kriege werden aber immer seltener zufällig gefunden, wenn also etwa eine Bombe bei Baggerarbeiten plötzlich in die Baugrube kullert. Dafür werden immer mehr Bomben und Granaten entdeckt, wenn Grundstücke systematisch überprüft werden, bevor die Bauarbeiter anrücken.

2011 gab es fast 2500 solche Anfragen, von Behörden, Unternehmen, Privatleuten. Das waren etwas mehr als im Jahr davor (rund 2230), und deutlich mehr Anfragen als 2009 (etwa 1840). „Die Tendenz ist stark steigend“, stellt Gossens fest.

Wo werden besonders oft Blindgänger gefunden? In den Randgebieten der Städte, die heute bebaut werden sollen. Im Zweiten Weltkrieg wurden gerade große Kommunen bombardiert. „Die Städte dehnen sich aus, wollen bauen. Dort liegt halt noch was“, erläutert Gossens.

„Es kommt immer darauf an welche Bombe“

Dieter Oppermann (52) arbeitete jahrelang als Entschärfer in Hessen. An die Gefahr dürfe sich niemand gewöhnen, erzählt er. „Keine Situation ist gleich. Es kommt immer darauf an, um welche Bombe es sich handelt.“

Eine innere, sozusagen mentale Vorbereitung auf den Vorgang der Entschärfung sei nicht wichtig, sondern die Entscheidung: „Entweder mache ich es. Oder ich mache es nicht.“

dpa

Quelle: op-online.de

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