Block 6: Sinnvoll oder gefährlich?

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Als Computersimulation schon fertig: Das Kraftwerk Staudinger mit Block 6 und den beiden neuen Kohlebunkern, von denen einer bereits fertiggestellt ist.

Großkrotzenburg ‐ Heftige Vorwürfe in Richtung des Energiekonzerns E.ON und des Regierungspräsidiums (RP) Darmstadt prägten heute den Auftakt der Erörterung im Rahmen des immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsverfahrens zum geplanten Ausbau des Kohlekraftwerks Staudinger. Von Dirk Iding

Im Großkrotzenburger „Limesforum“ wird über knapp 8500 private Einwendungen und 85 Stellungnahmen von Kommunen, Verbänden und Behörden zum beantragten Bau eines neuen, mit Steinkohle befeuerten Kraftwerkblocks mit einer Netto-Leistung von 1055 Megawatt diskutiert. Und schon jetzt scheint klar, dass am Ende wohl die Verwaltungsgerichte über den Bau entscheiden müssen.

Standen sich gestern zum Auftakt der Erörterung unversöhnlich gegenüber: Gegner und Befürworter des geplanten Kraftwerkausbaus.

Vor Beginn der Anhörung hatten sich Gegner und Befürworter des Vorhabens hitzige Wortgefechte vor dem Tagungsort geliefert. Etwa 150 Mitarbeiter des Großkrotzenburger Kraftwerks, die auch aus Sorge um ihre Arbeitsplätze für das Vorhaben demonstrierten, mussten sich von Gegnern als „bezahlte Claqeure“ bezeichnen lassen. Auch während der Stellungnahme von E.ON-Projektleiter Dr. Herbert Urban zum Auftakt der Erörterung gab es immer wieder empörte Zwischenrufe.

Ausbaugegner befürchten steigende Gesundheitsrisiken

Nach Ansicht von Urban dient der Kraftwerksausbau einer sicheren und preisgünstigen Stromversorgung. Da bei dem neuen Kraftwerk modernste Filtertechniken eingesetzt und die Kraft-Wärme-Koppelung (Fernwärme) ausgebaut werde, sei dies auch umweltfreundlicher als die bisherige Stromproduktion. So sicherte Urban unter anderem zu, dass die Schadstoffbelastung trotz deutlich höherer Stromerzeugung abnehmen werde. E.ON habe dies als „freiwillige Selbstverpflichtung“ in seine Antragsunterlagen aufgenommen.

Regierungspräsident Baron (links) musste sich heftige Kritik an seine Behörde anhören.

Die Ausbaugegner schenken dem keinen Glauben, befürchten steigende Gesundheitsrisiken, halten das Projekt ökonomisch und ökologisch für unsinnig. Scharf kritisierten Main-Kinzig-Landrat Erich Pipa und der Hainburger Bürgermeister Bernhard Bessel, dass E.ON stur an der Ausweitung seiner Stromerzeugung am Standort Staudinger festhalte, anstatt sich darauf zu beschränken, die veralteten Blöcke 1 bis 3 durch einen modernen Block mit gleicher Leistung zu ersetzen. „Eine reine Modernisierung des Kraftwerks wäre im Einklang mit der Bevölkerung machbar“, meinte Bessel, der sich ebenso wie seine Amtskollegen aus Hanau und Alzenau gegen das Projekt in der beantragten Form aussprach. Nur der Großkrotzenburger Bürgermeister Wilhelm Engel votierte für den Ausbau, unter der Maßgabe, dass dieser tatsächlich die von E.ON versprochenen ökologischen Vorteile bringe.

Scharfe Kritik am Regierungspräsidium

Von nun an wird täglich ab 9.30 Uhr im Großkrotzenburger „Limesforum“ erörtert. Das Ende ist offen. Nach einem vorläufigen Zeitplan des RP wird die Erörterung mindestens bis zum 20. November dauern.

Über den Stand der Diskussionen kann man sich auf der Homepage des Regierungspräsidiums Darmstadt informieren.

Scharfe Kritik am Regierungspräsidium übten Sprecher von Bürgerinitiativen und Umweltschutzverbänden. So bezeichnete Winfried Schwab-Posselt den Erörterungstermin als „inszeniertes Kasperletheater“ und die Beamten des RP als „Marionetten von Koch und Hahn“. Die BI-Sprecher erwarten, dass der Ausbau von der Genehmigungsbehörde auf Druck der Landesregierung einfach durchgewunken werde. So sei es bezeichnend, dass sich das RP bei seiner positiven landesplanerischen Beurteilung des Vorhabens im Rahmen des bereits abgeschlossenen Raumordnungsverfahrens allein auf Gutachten von E.ON gestützt habe. „E.ON war und ist der eigentliche Herr des Verfahrens“, ereiferte sich Schwab-Posselt. Anträge auf Abbruch beziehungsweise Aussetzung der öffentlichen Erörterung wurden indes zurückgewiesen.

Regierungspräsident Johannes Baron reagierte gelassen auf derartige Äußerungen: „Meine Mitarbeiter und ich werden nicht dafür bezahlt, sich über solche Aussagen zu ärgern, sondern ein gerichtsfestes Genehmigungsverfahren zu gewährleisten.“ Das sei seiner Behörde in der Vergangenheit in der Regel gelungen.

Info-Ecke: Block 6

Der von E.ON-Kraftwerke beantragte Block 6 soll statt der technisch veralteten Blöcke 1 bis 3 Strom aus Steinkohleverfeuerung produzieren. Die Blöcke 1 bis 3 haben eine Leistung von rund 800 Megawatt. Sie sollen abgerissen werden. Der Kraftwerksblock 6 wäre mit einer Leistung von 1055 Megawatt einer der größten weltweit. Zum Block 6 gehören ein 180 Meter hoher Kühlturm sowie ein 120 Meter hohes Kesselhaus. Im Kraftwerk Staudinger werden jährlich rund 5000 Gigawattstunden Strom produziert. Das entspricht 12 Prozent des hessischen Strombedarfs. Auch dank Fernwärmeauskoppelung soll der Wirkungsgrad des neuen Blocks auf mehr als 45 Prozent statt der bisherigen 38 Prozent gesteigert werden.

Quelle: op-online.de

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