Soll an Kita-Plätzen langt nicht

Im boomenden Frankfurt gelten andere Gesetze

Frankfurt - Noch wenige Tage, dann haben Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für ihre Kinder ab dem ersten Geburtstag. Unter Hochdruck mussten vor allem die Großstädte Krippenplätze aus dem Boden stampfen. Von Sandra Trauner

In Frankfurt, wo viele Mütter berufstätig sind und wenige Verwandte in der Nähe haben, war der Druck besonders hoch. 2006 gab es in der Bankenstadt 2 786 Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren, 2012 waren es immerhin schon 7 080.

Damit konnte die Stadt schon im Vorjahr 33 Prozent der Ein- bis Dreijährigen einen Platz anbieten, bis Ende 2013 sollen es 38 Prozent sein. Damit wird das bundesweit vereinbarte Soll zwar erfüllt, der Bedarf in der Stadt ist aber höher. Etwa 3 000 Eltern finden trotz des Ausbaus derzeit keinen Platz in einer Kita oder ersatzweise bei einer Tagesmutter. Frühestens 2016 wird der Ausbau zum Bedarf aufgeschlossen haben, sagt die zuständige Dezernentin Sarah Sorge (Grüne).

„Es geht um Existenzen“, sagt Daniela Wehrstein, Vorsitzende des Gesamtelternbeirats. Briefe von Müttern erreichen sie: „Wenn ich zum 1. August keinen Betreuungsplatz habe, verliere ich meinen Job.“

In Frankfurt ist die Situation in vielerlei Hinsicht eine besondere. Die Stadt wächst: Mehr als 21 000 Kinder unter drei leben in der Mainmetropole, jedes Jahr kommen um die 300 dazu. Frankfurt ist eng: Es gibt kaum Bauflächen für neue Kitas und nur wenige leerstehende Gebäude, die sich umbauen lassen. „Es wird immer schwieriger, geeignete Standorte zu finden“, heißt es bei der Bauaufsicht. Dort muss man sich auch mit Klagen der Anwohner herumschlagen. Jeder sei für den Kita-Ausbau, vor seiner Haustür dann aber doch bitte lieber nicht.

Frankfurt ist teuer: Daher müssten mehr Mütter arbeiten als auf dem Land, sagt Andrea Mohr, Beauftragte für Chancengleichheit bei der Agentur für Arbeit. „Wir wollen nicht, dass Familien mit Kindern alimentiert werden müssen, nur weil Mütter nicht in den Arbeitsmarkt zurückkehren können“, sagt sie. In Frankfurt gibt es viel Konkurrenz: Die Träger von Betreuungseinrichtungen werben sich gegenseitig Erzieher ab. „Wir haben eine hohe Fluktuation, die zulasten der Kinder geht“, warnt Krippen-Leiterin Sandra Weber. „Die verbleibenden Kollegen arbeiten am Limit.“

Diese Sorge immerhin teilt Frankfurt mit anderen Städten: Personalmangel. Am Geld scheitere es nicht, berichtet die Mitarbeiterin der Arbeitsagentur, man habe noch lange nicht alle Mittel ausgegeben, die für die Umschulung Arbeitsloser zu Erziehern bereitstünden. „Ich sage zu allen: Werden Sie Erzieherin oder Erzieher, und wir rollen Ihnen den roten Teppich aus.“

Erzieher braucht man nicht nur in Krippen. Die wachsende Zahl zu betreuender Kleinkinder wird älter und braucht in ein paar Jahren auch mehr Kindergarten- und Hortplätze. Auch wenn es in Frankfurt irgendwann genug Krippenplätze geben sollte, muss der Ausbau des Betreuungsnetzes weitergehen. Dass derzeit alle Augen auf die Kleinsten gerichtet sind, spüren die Größeren schon jetzt. „Das Thema Hortplatz ist für Eltern gerade ein ganz, ganz großes Bauchweh-Thema“, berichtet Gesamtelternbeirats-Vorsitzende Wehrstein.

An der Daueraufgabe Betreuungs-Ausbau müssten sich Firmen mehr beteiligen, findet der Geschäftsführer der Initiative „berufundfamilie“, Stefan Becker. „Der Rechtsanspruch birgt die Gefahr, dass sich noch mehr Arbeitgeber auf die Argumentation zurückziehen: Warum soll ich aktiv werden?“ Dabei seien Unternehmen neben Kindern die größten Profiteure des Kita-Ausbaus. Wieso, fragt Becker, war bei der großen Frankfurter „Dialogkonferenz“ zur Betreuungsgarantie eigentlich kein Arbeitgeber-Vertreter?“

dpa

Quelle: op-online.de

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