Automobilbranche steht zur IAA mächtig unter Strom

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Effiziente Antriebstechnologien stehen im Mittelpunkt der IAA in Frankfurt.

Frankfurt/Rhein-Main - Die 63. Internationale Automobil-Ausstellung wirft einen kühnen Blick in die ferne Zukunft und kämpft doch mit ganz alltäglichen Problemen. Von Carsten Müller

753 Aussteller aus 30 Ländern haben sich angemeldet, darunter 62 Hersteller, die ein „Innovationsfeuerwerk von 82 Weltpremieren“ zünden werden, verspricht der Präsident des Verbandes der Deutschen Automobilindustrie (VDA), Matthias Wissmann. „Die IAA liefert mit den neuen Modellen den Beweis dafür, dass die Automobilindustrie die Herausforderung des Klimaschutzes und der Fahrzeugsicherheit annimmt.“

Das aktuelle Bulletin von der Intensivstation im Frankfurter Westend kann kaum kaschieren, dass der Automobilindustrie eine langwierige und schmerzhafte Therapie bevorsteht. Krank ist die Branche fürwahr, sie hängt am staatlichen Tropf. Nach dem rauschhaften Genuss der Abwrackprämie, als Kunden in den Verkaufsräumen Schlange standen, droht der kalte Entzug. Händler und Produzenten starren verkatert wie angsterfüllt in einen schwarz gähnenden Abgrund, der manchen Wackelkandidaten zu verschlucken droht, weil ruinöse Rabatte kein Allheilmittel sind.

Die frohe Botschaft vom nahenden Elektro-Zeitalter, die vom 17. bis 27. September beim Tanz um das goldene Kalb in den Messehallen angestimmt wird, klingt angesichts dieses Horrorszenarios wie ein Pfeifen im Walde. Und wer mag schon daran glauben, dass die ferne Hoffnung auf emissionsarme Antriebe jene existenzielle Krise lindern wird, die der Branche bevorsteht, wenn der private Konsum einbrechen sollte?

Batteriefahrzeuge besitzen noch Exotenstatus

Die herausgeputzte Armada der Stromer in Frankfurt jedenfalls ist wieder eine gekonnt inszenierten Marketing-Schimäre, wie es die vielen Hybridmodelle auf grünem Laufsteg vor einigen Jahren waren. Die am Main präsentierten Studien und Prototypen sind mehr als ein Dokument des guten Willens, politisches Bekenntnis sowie als kreative Fingerübung von Designern und Entwicklern zu verstehen. Den Anforderungen an heutige Mobilität werden sie (noch) nicht gerecht – selbst die serienreifen Batteriefahrzeuge besitzen hinsichtlich Reichweite und Fahreigenschaften noch Exotenstatus. Bis sich jedermann ein umweltfreundliches Auto leisten kann, weil allein ein Lithium-Ionen-Batteriesatz für 200 Kilometer Reichweite über 10 000 Euro kostet, dürfte mindestens ein Vierteljahrhundert vergehen. Ehrgeizig ist das Ziel, weil viele Detailfragen zu klären sind. Beispielsweise streiten Regierungen und Verbände zurzeit noch über einen gemeinsamen Standard für die Lade-Steckdose streiten – und es ist keine Einigung in Sicht. Wenn das in diesem Tempo weitergeht ...

Der Verbrennungsmotor bleibt vorerst alternativlos

Der Verbrennungsmotor bleibt auf absehbare Zeit alternativlos, weil er, in kleinen und kleinsten Schritten verbessert, den größten Nutzen für die Allgemeinheit bringt – jenseits aller gut gemeinten umweltpolitischen Feigenblätter, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit vorgeführt werden. Eben auch auf der Frankfurter IAA.

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Neben der in den nächsten Wochen bewusst ins Scheinwerferlicht gerückten Strom-Avantgarde stehen auf Enthaltsamkeit getrimmte Normalos zu Unrecht im Abseits. Dabei lässt sich schon heute trefflich sparen, ganz ohne technischen Firlefanz, mit immer genügsameren Antrieben der klassischen Bauarten, wie sie Nikolaus August Otto und Rudolf Diesel ersonnen haben, mit einer umweltbewussten Fahrweise, mit Erdgasantrieb oder Autogas, mit Detailarbeit an elektrischen Aggregaten und mit technischen Ausstattungen wie Start-Stopp-Automatik sowie Bremsenergierückgewinnung.

Der Wirkungsgrad herkömmlicher Verbrennungsmotoren hat Steigerungspotenzial. Wie es beispielsweise der Scuderi-Motor vormacht, ein durch veränderten Zündabläufe auf höchste Effizienz und Umweltfreundlichkeit getrimmter Sauger, der sogar mehr Leistung bieten soll als vergleichbare Aggregate. Und Fiat plant sogar Zweizylinder-Versionen für das Kultauto 500, so genannte Multi-Air-Motoren, die mit elektrohydraulischer Ventilsteuerung ein Viertel weniger Sprit verbrauchen sollen als vergleichbare Aggregate.

Hersteller wirken wie Getriebene

Nach wie vor wirken die Hersteller wie Getriebene. Zumal aus deutscher Sicht. Erst waren es rußfilternde Franzosen, dann hybridisierende Japaner, die der Wiege des Automobilbaus das Fürchten lehrten. „Erleben, was bewegt“, der Messe-Slogan kann auch gründlich missverstanden werden, wenn man nur noch Erleidender ist. Das Heft des Handelns haben deutsche Hersteller jedenfalls noch nicht wieder in der Hand. Vielleicht ist auch ihr Vorarbeiter Wissmann zu sehr Politiker, um entschiedener Lobbyist zu sein.

In halsbrecherischem Tempo Richtung Umweltmesse zu brausen, davon ist die IAA zum Glück weit entfernt. Selbst unter veränderten Vorzeichen kommt die sprichwörtliche Freude am Fahren nicht zu kurz, weil attraktives Design, modernste Technik und Pferdestärken noch immer erotisierend wirken. Sparsamkeit um ihrer Selbst willen honoriert das Publikum nicht. Dort ist zwar Umweltbewusstsein vorhanden, aber keine ausgeprägte Kaufbereitschaft. Wenn es eine Antwort auf die Frage nach der Mobilität von morgen gibt, liegt sie irgendwo zwischen Genuss und Genügsamkeit. Und vielleicht lautet das Motto einer IAA irgendwann: Grün und sexy.

Informationen für Besucher:

Die 63. Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) auf dem Frankfurter Messegelände ist vom 19. bis 27. September jeweils von 9.00 bis 19.00 Uhr für das allgemeine Publikum geöffnet. E Tageskarten gibt es für 13 Euro, an den beiden Wochenenden kosten sie 15 Euro.

Wer nur einen kurzen Blick in die Hallen werfen will, sollte das Feierabendticket nutzen. Es gilt ab 15 Uhr und kostet 8 Euro. Schüler, Auszubildende, Studenten, Grundwehr- und Zivildienstleistende zahlen an allen Publikumstagen 7,50 Euro und erhalten ein Feierabendticket für 4,50 Euro. Kinder unter 6 Jahren haben freien Eintritt.

Tickets können zu denselben Konditionen jeweils an den Tageskassen oder im Vorverkauf erworben werden. Der schnellste Weg ist, sich die Eintrittskarten selbst online über www.iaa.de auszudrucken und per Kreditkarte oder Lastschrift zu bezahlen.

Gut ist die Automesse per Bahn erreichbar: Die S-Bahnlinien S3, S4, S5 und S6 halten direkt am Messegelände (Station „Messe“), zudem fahren die U-Bahnlinie 4 und die Straßenbahnlinie 16 bis zur Messe. Wer mit dem Auto anreist, folgt von der Autobahnabfahrt „Frankfurt West/Messe“ der Beschilderung „IAA“.

Quelle: op-online.de

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