Kuschelig im S-Bahn-Untergrund

„Von Brücken“: Alle Weichen auf neu gestellt

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Brücken im Tunnel: Nicholas Müller und Band schmusten dort, wo sonst S-Bahnen donnern. -

Frankfurt - Mit Renovieren kennt sich Nicholas Müller aus. Der ehemalige Sänger der Erfolgsband Jupiter Jones („Still“) musste im vergangenen Jahr Altes abreißen und sich selbst aus Trümmern hieven. Von Eva-Maria Lill

Aufgrund einer Angststörung stieg er bei den Kollegen aus, begab sich in Behandlung – und kehrte auf die Bühne zurück. Irgendwie passend, dass er und sein Herzensprojekt „von Brücken“ im frisch aufgeräumten S-Bahn-Tunnel an Tasten, Mikro, Saiten durften. Genauer: der Rhein-Main-Verkehrsverbund parkte die auf Unplugged-Größe zusammengedampfte Formation auf Gleise an der Haltestelle Taunusanlage. Anlass: die gerade laufende Musikmesse. 250 Besucher durften unter die Erde, die Tickets wurden verlost. Praktisch als Entschädigung für die Frankfurter Bahn-Baustelle.

Die Sperrung ist seit gestern Geschichte – das Konzert summt nach. Denn die schmusigen Vier umgarnten mit schamlosem Deutsch-Pop das Publikum. Nicholas Müller, Pianist und Komponist Tobias Schmitz, Instrumenten-Tausendsassa Anne de Wolff und Gitarrist Ulrich Rode kuschelten jede Note in Samtpapier, wüteten bei „Blendgranaten“ mit D-Zug-Fingern gegen Rechtsradikalismus und brachten in Minimalbesetzung sogar etwas wie lichtdurchflutetes Epos auf den Bühnenwaggon („Immerhin“).

Nebel leckt an Turnschuhpaaren, als Müller kurz nach neun die ersten Töne von „Gold gegen Blei“ in den Tunnel säuselt. Von Brücken spielt nicht mehr, nicht weniger als sanftes Handwerk mit opulenter Streichernote. Diese geordnete Langeweile muss man mögen. Tanzen ist nicht, Zuhören, Nachdenken, manchmal ein bisschen traurig sein. Tod („Die Parade“, „Der Elefant“) und Furcht („Lady Angst“) sind die Figuren in Müllers Texten, Schmitz’ Melodien die klangliche Kulisse.

Was die Newcomer aus der Eifel von ähnlich getakteten Chart-Größen abhebt, ist zweifelsohne Müllers Stimme. Dieses zärtliche Grölen, wie wenn Honig von Schmirgelpapier tropft. Mit ein bisschen Seele auf der Zunge und einer Mischung aus Verletzlichkeit und Landjungencharme. Siebzig Minuten reichen, um das Publikum unendlich zu verlieben. Es mit großen Augen nach oben starren zu lassen, auf diese Kombination aus ruhiger Musikpoesie und harter Bahnstation.

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Zur Zugabe greift von Brücken mit beiden Händen in die Schmalz-Kiste. Ironisch interpretiert, aber trotzdem besser als so manch bierernst gemeinte Cover-Version: „Bed Of Roses“ von Bon Jovi. Gut, wenn nach so viel Pathos auch Platz fürs Lachen bleibt.

Quelle: op-online.de

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