Was die Messe anders macht

Buchmesse: Mehr Inhalt, weniger Show

+
Ein Bild von der Buchmesse.

Frankfurt - Das Thema Digitalisierung ist durch, auf der Buchmesse stehen wieder die Autoren und ihre Texte im Mittelpunkt. Politik spielt eine große Rolle – auch hinter den Kulissen.

„Mehr Literatur, weniger Events.“ Die Buchmesse will sich wieder mehr um Inhalte kümmern, sagt Direktor Juergen Boos. Auf der weltgrößten Bücherschau sollen Autoren und Themen im Mittelpunkt stehen. Die Veranstalter rechnen bis zum 18. Oktober mit 300.000 Besuchern. Boos verspricht „die politischste Messe seit langem“. Flucht und Vertreibung, Meinungsfreiheit und Extremismus prägen viele der rund 4 000 Veranstaltungen, zum Beispiel das Diskussionsformat „Weltempfang“ und das Autoren-Forum „Frankfurt undercover“. Flüchtlinge haben freien Eintritt, die Messe hat für sie an den Besuchertagen kostenlose Tickets reserviert. Sie werden mit muttersprachlichen „Paten“ über die Messe geführt. Ein Zeichen setzte die Messe bereits gestern mit dem Auftritt von Salman Rushdie, der auf der Eröffnungspressekonferenz sprach. Der Iran hat wegen Rushdie seine Teilnahme an der Messe abgesagt.

Knapp 7200 Aussteller haben sich in diesem Jahr angemeldet, etwa so viele wie im Vorjahr. Auch Verlage aus Krisengebieten sind darunter, sogar aus dem Bürgerkriegsland Syrien. Osteuropa ist so stark vertreten wie seit langem nicht mehr. Mehr Verlage kommen auch aus Lateinamerika und Südostasien. „Die Messe wird immer internationaler“, sagt Buchmessen-Sprecherin Katja Böhne. Inzwischen ist das Verhältnis 34 zu 66 Prozent zugunsten des Auslands.

Der Schweizer Diogenes-Verlag hat erstmals keinen Stand auf der Messe. Als Grund nannte der Verlag bei der Absage im April wirtschaftliche Gründe. Diogenes vertritt unter anderem Ian McEwan, Martin Suter und Ingrid Noll. Frankfurt trägt die Absage mit Fassung: Insgesamt kämen sogar mehr Verlage aus der Schweiz. Außerdem sei Diogenes „natürlich“ auf der Messe, zum Beispiel im Agenten-Zentrum, wo an 460 Tischen Rechte gehandelt werden.

Indonesien als Ehrengast

Ehrengast ist 2015 Indonesien, „ein spannendes Land mit spannender Literatur“, wie Boos findet. 70 Autoren wollen nach Frankfurt reisen, mehr als 100 Bücher aus Indonesien erscheinen in diesem Jahr auf dem deutschen Buchmarkt, 500 Veranstaltungen sind geplant. Auf dem Messegelände gab es ein großes Stühlerücken. Die abseits gelegene Halle 8, in der die englischsprachigen Verlage untergebracht waren, wird aufgegeben. Die Aussteller ziehen in zwei neue Ebenen der Halle 6 und mischen sich ansonsten – je nach ihrer thematischen Ausrichtung – unter die anderen Verlage. US-Kinderbuch-Verlage findet man zum Beispiel künftig in Halle 3 bei den anderen Kinderbüchern. Damit wird die Gesamtfläche der Messe zwar kleiner, man habe aber mehr Ausstellungsfläche verkauft, sagt Boos. Folge: Es wird enger. Die Verlage neu zu arrangieren, war übrigens nicht einfach, lässt Boos durchblicken. „Wir haben elf Monate lang Domino gespielt.“ Er habe sogar in einigen Länder-Ministerien vorstellig werden müssen, um zu begründen, warum das eine Land eine Ebene über dem anderen angesiedelt wurde. „Alle wollen oben sein.“

Das Thema Digitalisierung sei für Verlage und Buchhändler „durch“, sagt Boos. E-Books, Marketing in sozialen Medien – all das sei inzwischen Realität in deutschen Verlagen und Buchhandlungen. Anbieter für technische Lösungen haben inzwischen einen Stammplatz auf der Messe. Als „Spielwiese“ für Netzwerker, Blogger und die mediale Avantgarde wird ein neuer „Orbanism-Space“ eingerichtet. Nach den Manga- und Comicfans versucht die Messe, eine neue Community an sich zu binden: Früher hätte man Heimwerker und Handarbeiter gesagt, neudeutsch heißt das Crafter. In Zusammenarbeit mit der Online-Plattform Dawanda will die Messe Kunsthandwerkern ein Forum bieten. Böhne erklärt, was das mit Lesen zu tun hat: Ihre Produkte würden über Blogger bekannt, die Crafter in der Folge oft zu erfolgreichen Sachbuchautoren: „Häkelbücher werden zu Bestsellern.“

Fakten zur Buchmesse 2016 in Frankfurt

Auch wenn die Devise „Mehr Inhalt, weniger Show“ lautet: Medienwirksame Events gehören einfach dazu. Das Presseteam kündigte einen Weltrekordversuch im Bücher-Domino an. 10.000 Bücher sollen nacheinander fallen. Daniel Kampa, Verlagsleiter des Hoffmann und Campe Verlags, darf anstupsen.

Was beim Blick auf den Buchmarkt auffällt: Der Umsatz ist 2014 um mehr als zwei Prozent auf 9,32 Milliarden Euro geschrumpft. Die Branche machte dafür fehlende Mega-Seller wie „Fifty Shades of Grey“ verantwortlich. Der schon totgesagte klassische Buchhandel (noch 50 Prozent des gesamten Umsatzes) erlebt ein kleines Comeback. Die Sortimenter mussten 2014 zwar auch mit einem Erlösrückgang leben. Doch beim erfolgsverwöhnten Internet-Handel war das Minus noch größer. Übers Internet wird inzwischen rund jedes sechste Buch verkauft.

Elektronische Bücher finden im Publikumsmarkt in Deutschland mehr Käufer – im ersten Halbjahr 2015 betrug der Anteil am Publikumsmarkt (ohne Schul- und Fachbücher) 5,6 Prozent. Dennoch ist dies bescheiden. Auch die Wachstumsdynamik stagniert. Und wer kauft Bücher? Es sind zu fast 60 Prozent Frauen. Dies gilt für gedruckte Bücher wie digitale. Überraschenderweise ist unter den E-Book-Käufern der Anteil der jungen Leute von 20 bis 39 Jahren rückläufig. Diese Gruppe habe wohl kein Geld für spezielle Lesegeräte, erklärt sich das die Buchbranche.

dpa/isi

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare