Buhlen um den knappen Rohstoff

+
Geht es ihnen gut, geht es der Gemeinde und dem Unternehmen gut. Kinder und junge Familien gehen nur dahin, wo man sich um ihre Interessen kümmert. Wer sie ignoriert, der schrumpft und verliert die Zukunft.

Frankfurt - „Wenn Sie als Unternehmer Bewerbungsgespräche führen, kommen Sie um das Thema nicht herum. Es ist eines der ersten Dinge, die Fachkräfte ansprechen, bevor sie zusagen. Noch vor ein paar Jahren war das kein Punkt. Von Michael Eschenauer

Jetzt ist die Sache dringlich.“ - „Die Sache“ betrifft die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Karen Hoyndorf, Vizepräsidentin der Industrie- und Handelskammer Frankfurt (IHK), sieht hier „eine der zentralen Herausforderungen für die nächsten Jahrzehnte“.

Um den Blick auf „die Sache“ bei den 90.000 Mitgliedsunternehmen zu schärfen, hat die IHK jetzt den „Familien- und Demographieatlas 2009“ vorgelegt. Fazit: Um die dramatischen Auswirkungen einer vergreisenden Gesellschaft abzumildern, muss die Erosion der Erwerbspersonen-Zahl unbedingt abgefedert werden. Dies ist nur möglich, wenn mehr Frauen arbeiten. Das können sie aber nur, wenn ihre Kinder versorgt sind. Am Ende gewinnt derjenige Betrieb beziehungsweise die Stadt, die dafür sorgen, dass Familie und Beruf keinen Widerspruch bilden. Kinderbetreuung, familienverträgliche Jobs, attraktives Wohnumfeld auch für Senioren, gute Verkehrs-Infrastruktur - so lauten die Zauberworte im Ringen mit dem „Mega-Trend“ Menschenmangel.

Im Wettbewerb um die schwindende Ressource stehen Frankfurt, Maintaunus- und Hochtaunus-Kreis im Vergleich zum restlichen Hessen „sehr gut“ da, so die IHK-Vize-Chefin. Die Studie untersuchte 25 Städte. Danach scheint der IHK-Bezirk Frankfurt Rhein Main nach wie vor attraktiv. So wuchs die Bevölkerung von 2000 bis 2007 im Main-Taunus-Kreis um 2,3, in Frankfurt um 1,9 und im Hochtaunuskreis um 0,2 Prozent. Das Land Hessen, so Hoyndorf und Hubertus Hille, Geschäftsführer Wirtschaftspolitik und Metropolenentwicklung bei der IHK, stehe mit 0,1 Prozent Wachstum deutlich schlechter da und liege bundesweit nach Nordrhein-Westfalen auf dem zweitletzten Platz.

Frankfurt ist Magnet und Kern der Region

Dies führt dazu, dass die Region zwischen Göttingen und Heidelberg bis 2050 von ihren derzeit 6,07 Millionen Menschen rund eine Million verlieren wird. Anders in Frankfurt und im Taunus. Dieser Landstrich kann seine Bevölkerung von 1,5 Millionen nahezu konstant halten.

Die Situation ist hier allerdings unterschiedlich. Mancherorts stieg die Bevölkerungszahl an - in Eschborn um 5,8, in Liederbach um 5,5, in Flörsheim um 4,5, in Wehrheim um 3,8 und in Schmitten um 3,5 Prozent. Anderswo ging sie zurück - in Weilrod um 3,2, in Kriftel um 2,2, in Steinbach um 2,1 und in Bad Homburg um 1,9 Prozent. Frankfurt als Kern der Region wuchs um 1,9 Prozent oder 12 000 Menschen. Mit einen Durchschnittsalter von 41,9 Jahren ist die Mainmetropole eine junge Stadt. Obwohl Frankfurt bei den Bewertungskriterien nicht immer eindeutig führe, sei seine Rolle als Magnet und Kern der Region nicht hoch genug einzuschätzen, so Hoyndorf und Hille.

Ein Negativsaldo bei den Einwohnern sollte in den Rathäusern und Firmen die Alarmglocken schrillen lassen. Denn ohne Zuwanderung, so Hoyndorf, gehe künftig nichts mehr. Zu der wachsenden Konkurrenz um den Mensch als Steuerzahler und Konsument an sich komme das Buhlen um Erwerbstätige. Bis zum Jahre 2050 rechnet die IHK mit einem Rückgang der 20- bis 65-Jährigen um 85  000. Ihr Anteil an der Bevölkerung sinkt von 63,5 auf 55 Prozent. Eine Steigerung der Geburtenrate und des Anteils erwerbstätiger Frauen sowie der Zahl der Familien sei unverzichtbar.

Hauptakteure sind Bürgermeister und Firmenchefs

Wer hier punktet, so die IHK-Vertreter, werde weniger unter Fachkräftemangel leiden, schaffe eine innovationsfähigere Wirtschaft, habe höhere Kaufkraft und mehr Geld in der Stadtkasse. Hauptakteure in diesem Stück sind Bürgermeister und Firmenchefs, und sie lassen den IHK-Bezirk auch hier nicht schlecht dastehen. Während in ganz Hessen der Anteil berufstätiger Frauen bei 45 Prozent liegt, erreichen Main-Taunus-Kreis 53 Prozent, der Hochtaunuskreis 50 Prozent und Frankfurt 46 Prozent. Ein hoher Anteil an berufstätigen Frauen muss nicht wie oft befürchtet der Geburtenrate schaden. So weist Kelkheim mit 50 Prozent eine überdurchschnittlich hohe Beschäftigtenquote bei den Frauen auf, gleichzeitig zählt die Geburtenrate hier zu den höchsten im IHK-Bezirk.

Viel getan, so Hoyndorf, habe sich auch bei den Kinderbetreuungsplätzen. Der gesetzliche Anspruch auf einen Kindergartenplatz für über Dreijährige werde in allen Kommunen des IHK-Bezirks erfüllt. Die Versorgungsquote mit Kita-Plätzen und Tagespflegeplätzen liege bei 21,3 Prozent und damit deutlich über dem Hessenwert von 14,3 Prozent. Bei der Betreuung von unter Dreijährigen und Schulkindern gebe es vielerorts noch Nachholbedarf. Mehr getan werden müsse auch bei der Zusammenarbeit von Firmen und Kommunen in diesem Bereich.

Zwei Positivbeispiele:

Wie kann sich eine Kommune zukunftsfest machen? Der „Familien- und Demographieatlas“ zeigt zwei Positivbeispiele.

Oberursel: Die Stadt ist seit dem Jahr 2000 um 2,2 Prozent gewachsen, besonders bei Familien beliebt. und verzeichnet die mit Abstand höchsten Wanderungsgewinne bei Personen bis 18 Jahren sowie zwischen 30 und 50 Jahren. Grund sind insbesondere die hohe Zahl an Arbeitsplätzen, neue, attraktive Wohngebiete, gute Verkehrsanbindungen auch im öffentlichen Nahverkehr sowie die vielfältige Schullandschaft und das Betreuungsangebot.

Eschborn: Der prosperierende Wirtschaftsstandort ist seit 2000 um 5,8 Prozent gewachsen. Die IHK stellte fest, dass insbesondere bei Familien starke Zuwanderungsgewinne stattfanden. Die wohlhabende Gemeinde konzentriert sich nicht nur auf Wirtschaftsförderung, sondern auch auf den Ausbau vielfältiger Einrichtungen zur Kinder- und Jugendlichenbetreuung. Die Zusammenarbeit von Unternehmen und Kommune auf diesen Bereich sei hoch. Gleichzeitig tut man auch viel für ältere Menschen.

Quelle: op-online.de

Kommentare