Chance nach der Wende

+
Torsten Kind

Es dürfte politische Veranstaltungen geben, bei denen Torsten Kind wehmütig an seine Zeit in Thüringen in den 90er Jahren zurückdenkt. „Wenn es dort eine Parteiversammlung gab, war man da“, erinnert sich der Vorsitzende der FDP Babenhausen. Von Jens Dörr

„Die Menschen in Thüringen waren es gewohnt, dass man bei solchen Veranstaltungen zu kommen hatte.“ Im Westen könne man sich weniger sicher sein, dass viele Parteifreunde vorbeikommen. Insgesamt hält der 47-Jährige aber wenig vom „Ossi-Wessi-Gerede“: „Was soll das: Es kann doch niemand etwas dafür, wo er herkommt.“

Kind hat beide Teile des wiedervereinigten Deutschlands intensiv kennen  gelernt. Bis 1990 lebte er in Gummersbach bei Köln, war Vertriebsleiter Ost bei der Otto Kind AG, einem Hersteller von Betriebs- und Ladeneinrichtungen. Mitte 1990 - den Mauerfall hatte der Rheinländer vor dem Fernseher miterlebt - kam er beruflich bedingt erstmals nach Ostberlin, fuhr auch ins Umland. „Ich sah zwar wahre Ruinen, verfallene Hinterhöfe und Häuser ohne Fenster, habe damals als junger Mann aber auch eine Chance erkannt - es gab dort einfach vieles anzupacken“, erzählt Kind.

Also zog er 1991 zunächst nach Günthersleben bei Gotha. „Das war kein West-Standard, wie ich da gewohnt habe“, blickt der Familienvater, der die Otto Kind Metallbau GmbH neu mit aufbaute, zurück. Schon besser gewesen sei es im Bungalow Gräfenhain, ebenfalls nahe Gotha, in den er später zog. „Allerdings war es eine echte Umstellung, noch mit dem Ofen zu heizen“, lacht Kind heute.

„Vorurteile gegenüber anderen gab und gibt es immer“

Lesen Sie auch von weiteren Schicksalen:

„...aber ich bin Pleitgen“

„Ich habe gebrüllt, ich war so zornig“

„Mauerfall - ich war zunächst schockiert“

Ein Stück Leben geraubt

All das sei aber halb so schlimm gewesen - große Differenzen zwischen Ost- und Westdeutschen mag er jedenfalls nicht bestätigen. „Vorurteile gegenüber den anderen gab und gibt es immer“, hat Kind festgestellt. „Ganz und gar anders waren die Menschen in Thüringen damals aber nicht.“ Mit der Mentalität der Ostdeutschen habe er ohnehin nie Probleme gehabt. „Privat wurde ich überall gut aufgenommen, in der beruflichen Zusammenarbeit habe ich Kollegen kennen gelernt, die fleißig und ordentlich waren. Und die aus dem Wenigen, das manchmal da war, sehr viel machten.“ Auch bei der Produktivität habe er keine Unterschiede ausmachen können. „Man hat gerade Anfang der 90er gemerkt, dass eine wahre Aufbruchstimmung herrschte.“ Wenn sicher auch häufig unter schwierigen Voraussetzungen: „Teilweise wussten wir freitags nicht, ob wir samstags arbeiten können“, erinnert sich Kind. „Wenn etwa ein Lkw verspätet war, blieb der erst einmal unerreichbar. In vielen Orten waren Telefone noch nicht so sehr verbreitet.“ Sowohl technisch als auch hinsichtlich der Infrastruktur habe sich aber bis heute extrem viel getan, bilanziert Kind.

Öfter führt sein Weg noch immer nach Thüringen: Dort wohnen die Schwiegereltern - seine Frau lernte er im Osten kennen. 1997 zogen beide nach beruflicher Veränderung des heute selbstständigen Händlers nach Babenhausen. Im Osten war es auch, als Kind 1993 mit seinem Engagement in der FDP begann. „Wir hatten einsatzfreudige Mitglieder, und sogar der Oberbürgermeister von Jena war überraschenderweise von der FDP.“

Quelle: op-online.de

Kommentare