Chaotische Zustände - erst in der Wohnung, dann im Kopf

Offenbach - (sjm) Durchwühlte Schränke, ausgekippte Schubladen, Bücher, Papiere und Kleider verteilt auf dem Boden - eine typische Szene nach einem Einbruch. Chaotische Zustände herrschen erst in den eigenen vier Wänden und schließlich auch im Kopf.

Laut der Initiative für aktiven Einbruchschutz „Nicht bei mir!“ und der Opferhilfsorganisation „Weißer Ring“ hat ein Einbruch auch erhebliche psychische Folgeschäden. Kriminologische Studien belegen, dass rund 88 Prozent der Einbruchsopfer Angst vor einem weiteren Einbruch haben. 30 Prozent leiden unter ziemlich starken bzw. starken Angstgefühlen. Unter Ein- oder Durchschlafschwierigkeiten litten 41,6 Prozent, mit Alpträumen und Nervosität hatten jeweils 30 Prozent zu kämpfen, ergab u.a. eine vom Polizeipräsidium Darmstadt in Auftrag gegebene Studie, die vom „Weissen Ring“ finanziert wurde. Nur noch jeder Dritte hält sich nach der Tat gerne in seiner Wohnung auf. Bei knapp 40 Prozent ist der Wunsch nicht mehr alleine sein zu wollen, ziemlich stark bzw. stark ausgeprägt.

Für viele Menschen bedeutet der Einbruch in die Privatsphäre einen Schock“, sagt Dr. Helmut Rieche, Vorsitzender der Initiative „Nicht bei mir!“, die von Verbänden der Sicherheitswirtschaft und der Polizei getragen wird. „Materielle Schäden werden in der Regel von den Versicherungen ersetzt. Den Opfern macht aber das verloren gegangene Sicherheitsgefühl und der Verlust lieb gewonnener Erinnerungsstücke oft mehr zu schaffen“, betont Rieche. Prof. Dr. Michael Kellner, Leiter der Spezialambulanz für Posttraumatische Belastungsstörungen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, bestätigt die oft schwerwiegenden psychischen und psychosomatische Beschwerden nach einem Einbruch: „Bei über der Hälfte der Betroffenen treten Schlafstörungen und Ängste auf. Aber auch Magen-Darm-Probleme, Konzentrationsstörungen oder eine niedergedrückte Stimmung kommen oft vor.“ Während bei manchen Opfern solche Beschwerden nur wenige Tage auftreten, kann es bei anderen Betroffenen durchaus zu einem chronischen Verlauf kommen, der bis zu Jahren andauern kann, so Kellner. Der Traumatologe rät Einbruchsopfern, als erste Anlaufstelle den Hausarzt aufzusuchen. „Wenn die Beschwerden anhalten, ist ein Psychiater oder Psychotherapeut eine gute Adresse“, empfiehlt Kellner.

Der „Weiße Ring“ erklärte, Eigentumsdelikte dürften vor diesem Hintergrund nicht verharmlost werden. Nötig sei eine bessere psychische Betreuung von Kriminalitätsopfern. Die Opferschutzorganisation appelliert seit langem an Gesetzgeber und Versorgungsverwaltung, die staatlichen Entschädigungsregelungen mehr auf die Bedürfnisse der Betroffenen auszurichten.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare