Checklisten für die „Halbgötter“

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Hier können auch kleine Fehler tödlich enden. Ein Chirurgenteam bei der Arbeit.

Frankfurt - Es ist der Alptraum jedes Patienten: Nach einer Operation stellt sich heraus, dass die Ärzte ein Skalpell im Körper des Operierten vergessen haben. Von Julian Fath

Solche kuriosen Fälle sind zwar äußerst ungewöhnlich, kommen aber auch in deutschen Krankenhäusern immer wieder vor - ebenso wie die weniger spektakulären Verwechslungen der Kranken und diverse Behandlungsfehler. Um solche Vorfälle zu vermeiden, hat das Uniklinikum Frankfurt jetzt standardisierte Prüflisten und eine OP-Monitoranlage in Betrieb genommen.

Bundesweit träten bei fünf bis zehn Prozent aller Patienten unerwünschte Ereignisse bei der Behandlung auf, berichtete Kai Zacharowski, Direktor der Klinik für Anästhesiologie des Frankfurter Uniklinikums. Ein Behandlungsfehler passiere den Ärzten immerhin bei jedem hundertsten Patienten in Deutschland. Jedes Jahr ereigneten sich 17.000 vermeidbare Todesfälle. „Es gibt selbstverständlich Dunkelziffern. In manchen Krankenhäusern sind die Zahlen höher“, warnte der Mediziner.

Verantwortlichkeit bleibt auch rückwirkend erkennbar

Mit Hilfe der neuen Prüflisten sollen solche Fehler nun von vornherein vermieden werden. „Eine Checkliste hilft uns, alle Dinge bei allen Patienten zu allen Zeitpunkten richtig zu machen“, formulierte Zacharowski den Anspruch der Maßnahme. Vor einer Operation nähmen alle beteiligten Ärzte und Assistenten an einem „Team-time-out“ teil. Dabei füllten sie den Prüfbogen aus, in dem teils triviale, aber trotzdem wichtige Fragen zur Operation beantwortet würden. So zum Beispiel, ob die korrekten Blutpräparate vorliegen, alle zuständigen Ärzte anwesend sind, und die Identität des Patienten einwandfrei festgestellt werden kann. Denn selbst Patienten-Verwechslungen seien im hektischen Klinik-Alltag nicht immer völlig auszuschließen. Auch während und nach der OP kämen die Listen zum Einsatz. Nach abgeschlossener Prüfung werde die Liste von den verantwortlichen Ärzten unterschrieben, so dass die Verantwortlichkeit auch rückwirkend erkennbar bleibe.

Das Prüflisten-Verfahren sei ungewöhnlich, erklärt der Vorstandsvorsitzende des Uniklinikums, Jürgen Schölmerich: „Es kommt einem erstmal verrückt vor, wenn sich Ärzte, die sich vermeintlich kennen, gegenseitig nach dem Namen fragen.“ Trotzdem biete das Verfahren große Vorteile. Der Vorläufer der Prüflisten sei von der World Health Organisation in Zusammenarbeit mit internationalen Kliniken entwickelt worden. Tests hätten gezeigt, dass mit diesem Verfahren die Rate von Komplikationen nach OP-Behandlungen um 38 Prozent, die Rate von Todesfällen sogar um 48 Prozent verringert werden könne, sagt Zacharowski.

Überwachungsdaten der Patienten auf drei LCD-Großbildschirmen

Ein weiteres Novum im Uniklinikum sei die vernetzte OP-Monitoranlage, mit der alle laufenden Operationen zentral überwacht werden könnten. Auf drei LCD-Großbildschirmen laufen künftig die Überwachungsdaten der Patienten, wie zum Beispiel die Herzschlagfrequenz, zusammen und werden ständig von einem erfahrenen Oberarzt kontrolliert. Die Daten würden neuerdings auch in der Patientenakte gespeichert, so dass sie bei der weiteren Behandlung verfügbar blieben, hieß es.

Die Nutzung der Prüflisten sei in einzelnen Einrichtungen bereits länger im Einsatz. Neu sei die durchgängige, einheitliche Nutzung in allen Klinikbereichen. Damit komme dem Uniklinikum Frankfurt eine bundesweite Vorreiterrolle zu: „Ich wüsste kein anderes Klinikum, in dem dieses System flächendeckend eingeführt wurde“, so Zacharowski.

Dass ein so simples System, das in erster Linie auf einem ausgedruckten Fragebogen basiere, erst in diesem Jahr eingeführt werden konnte, habe vor allem gruppendynamische Gründe. Denn die Erfassung funktioniere nur, wenn alle Mitarbeiter so geschult und motiviert seien, dass sie die Maßnahmen verantwortungsvoll umsetzten. Mit dem früheren Selbstverständnis der Ärzte als „Halbgötter in Weiß“ sei dies allerdings nur schwer vereinbar gewesen, sagte Schölmerich: „Viele Ärzte müssen sich erst noch daran gewöhnen.“ Die Kontrolle funktioniere zudem nur dann zuverlässig, wenn auch die zahlreichen Krankenpfleger, Putzkräfte und andere Mitarbeiter an einem Strang zögen. Erst die Veröffentlichung einer medizinischen Studie im Jahr 2009, die den Erfolg der Checklisten belege, habe am Ende dann zu einer breiten Zustimmung der Belegschaft geführt.

Quelle: op-online.de

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